Kategorie: Ausrüstung im Test

Lauftextilien, Laufzubehör, Läufernahrung – im Praxistest

Höhenflug des Kranichs: Crane Natural Running Schuhe Modell 2015

Gemeinhin prüft man Gegenstände auf Herz und Nieren, was jedoch bei Schuhen und anderen minder komplexen Dingen, die ganz sicher über keines der genannten Organe oder zumindest vergleichbare Innereien verfügen, ungeachtet des bloß übertragenen Sinnes, wenig passend erscheint. Wer will, sollte die Treter lieber auf Leisten, Zunge und Bänder testen, die im Organischen ihre Entsprechung haben.

Doch es geht es nicht um das sprichwörtliche Drumherum, das nichts weiter besagt, als dass es die Testenden genau genommen haben, sondern um den Test und dieser widmete sich einem Laufschuh vom Discounter.

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Nach 13 Monaten Dauerbelastung. Die gelöste Textilfolie über der Innensohle war beim Laufen nicht zu spüren.

 

Crane Natural Running Schuhe von Aldi Süd konnte man im Juni 2015 zu einem geradezu unanständig günstigen Preis von EURO 15,99 erwerben. Die Nachhaltigkeit der Produktion von Laufschuhen kann meines Erachtens auch bei einem hochpreisigen Modell getrost infrage gestellt werde, weshalb ich diesen Aspekt nicht in die Bewertung einfließen lasse. Es geht um die Qualität, die zu einem solchen Preis möglich ist und es erscheint prima specie mehr als geboten, an der Wertigkeit eines derart billigen Produkts zu zweifeln.

Bislang konnte ich einen weiteren Online-Produkttest zu einem Vorläufermodell des von mir gekauften Schuhs ausfindig machen. Meine Erfahrung stellt das diametrale Gegenteil zum Urteil dieses Testers dar.weiterlesen

Ja und nicht Ja: Eine Meditation zum Thema Natural Running

Als in grauer Vorzeit die Gattung  Mensch den Plan der Schöpfung betrat, waren die ihr zugehörigen Individuen nackt – von einer dem Grad nach stärkeren Behaarung einmal abgesehen. Diese Nacktheit und damit einhergehend eine gewisse Schutzlosigkeit kompensierte der fälschlicherweise als Mängelwesen bezeichnete homo sapiens durch sein natürliches Potential, sich durch Gebrauch seines Verstandes zu kultivieren und dadurch jedwedem Mangel abzuhelfen. Dank seiner kognitiven Fähigkeiten und eines hochgradig effizienten Bewegungsapparates war der Mensch ein erfolgreicher Jäger und vermochte trotz widriger Bedingungen zu überleben und sich an der Spitze der Nahrungskette zu etablieren. Erwies sich ein Teil seiner naturgegebenen Grundausstattung – etwa die für stundenlanges, zügiges Laufen und Gehen geschaffenen Füße – in gewissen Situationen als verbesserungsbedürftig – etwa bei Eiseskälte und scharfkantigen Untergründen – dachte der homo nach und band sich im Anschluss ein Stück Baumrinde oder dickes Leder mittels Textilstreifen unter die Fußsohlen. Der Schuh war geboren. Eine Schutzschicht für die Füße bei ihrer ganz natürlichen Laufbewegung.

Dummerweise dachte der Mensch immer weiter nach und entfernte sich im Zuge der Kultivierung zusehends von der bloßen Zweckmäßigkeit seiner Erfindungen. Der Grundsatz form follows function galt nicht für die Kleiderungetüme des Rokoko oder für Schuhe, die den Fuß verkrüppeln ließen um dem Schönheitsideal winziger Trippelfüßchen zu entsprechen. Die freie Martktwirtschaft mit ihrem Drang zu exponentiellem Wachstum tat ihr Übriges, um den Gegenstand des Gebrauches und auch den Gebrauch selbst immer wieder neu zu definieren – ob er dadurch wirklich brauchbarer wurde sei dahingestellt.

Auch bei Laufschuhen ist dies zu bemerken. Es gibt Trends und Paradigmenwechsel und den gleichzeitigen Fortbestand einander widersprechender Ansätze. Der Konsument steht vor Regalen mit der vierzehnten Auflage eines dämpfungsoptimierten Erfolgsmodells mit jeder Menge stützenden und korrigierenden Elementen und einem riesigen Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß und daneben einem fadenscheinigen, materialarmen Schuhchen mit einer vollends flachen Sohle zum Wiedereinstieg ins Paradies naturgegebenen Laufens.

Wer nun denkt, der vernünftige Schritt zurück zur Natur sei das Ende der etablierten Laufschuhe, hat seine Rechnung ohne die Industrie gemacht. Sie will, dass der Läufer beides kauft. Die Botschaft lautet in Kurzfassung: Ja liebe Läufer, barfuß ist eigentlich besser, aber uneigentlich so etwas wie eine Krankheit. Sobald ihr länger lauft, wie es die Natur vorgesehen hat, reißt Eure Achillessehne ab oder ihr ruiniert Eure Knöchel und Sehnen. Ein Horrorszenario. Die wirtschaftliche Lösung: Wir verkaufen Euch den naturnahen Laufschuh als trendige Ergänzung und als Bewegungs-Lernschuh. Wir legen Euch nahe, ihn zu kaufen und machen gleichzeitig Angst davor, ihn als alleinigen Laufschuh zu verwenden. Bloß nicht nur und nur nicht zu lange: so unken Experten und machen uns bange.

Und hier ist die Cleverness der Industrie noch nicht am Ende, denn neben den Beschwörungen verschiedener Verletzungen beim Natural Running erinnern die meisten hierfür geschaffenen Schuhe ungeachtet des hohen Preises an bessere Socken. Dünnes Textil für den vorsichtigen Fünfer bei Sonnenschein.

Mir reicht es jetzt. Ich laufe seit Jahren in der Freizeit auf Schuhen ohne Sprengung, bin barfuß bereits längere Strecken gerannt, laufe seit ich denken kann primär auf dem vorderen Fuß und sehne mich nach einem weniger klobigen Treter. Also mache ich ein Experiment – und teste den derzeit günstigsten Natural Running Schuh am Markt.

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Der Kranich von Aldi Süd lässt grüßen. Seit heute Mittag bin ich im Besitz eines Paares Natural Running Laufschuhe für Herren von Crane, Größe 45 zum Preis von gerade einmal 15,99€!

Testbericht und klinisches Bildmaterial von Sehnenabriss und Ermüdungsbrüchen folgen in Bälde.

 

 

 

Equipment ist nicht alles. – Viel ist es trotzdem…

Noch fünf Tage trennen mich von meiner ersten großen Herausforderung in Sachen zügiges Langstrecken-Wandern – pardon: Speed-Hiking auf der Ultra-Distanz bei der diesjährigen Horizontale – Rund um Jena. Zwar stecken über die Jahre ein paar Tausend Laufkilometer in Waden und Oberschenkelmuskulatur und auch die Hornhaut der Fußsohlen neigt bei Belastung nicht zu sofortiger Aufblähung mit Flüssigkeitsansammlung; dennoch flößt die Distanz von 100 Kilometern profilierter Strecke auf größtenteils Trail-Terrain  einem Novizen, wie ich es bin auch nach Wochen mentaler und physischer Präparation einen unvermindert großen Respekt ein.

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Wenngleich jede Distanz über 42,195 Kilometern für mich terra incognita ist und daher alles passieren kann – zumal mir im Vorfeld schlichtweg die Zeit für lange Wanderungen über 20 Kilometern nicht zur Verfügung stand – möchte ich zumindest versuchen, dass unter Umständen Vermeidbare zu vermeiden. Damit kommt das Thema Ausrüstung auf die Tagesordnung. Zum Ausstieg gezwungen zu werden, weil man bei der Kleidung und Technik blöde Anfängerfehler gemacht hat, wäre ungleich schmerzhafter als ein Ermüdungsbruch bei Kilometer 87,5.

Daher steckt in der folgenden Liste einiges an Überlegung und ein gerüttelt Maß guter Ratschläge von Menschen, die es wissen sollten und dieses Wissen bereitwillig teilten. Ich stelle diese Aufzählung hier einfach mal zu Diskussion – und danke allen, die wohlmeinende Kritik und/oder Ergänzungsvorschläge beisteuern.

Kleidung:

  • Unterwäsche + Singlet (Funktionsgewebe)
  • Langarmshirt (Funktionsgewebe)
  • sehr dünne Socken (Funktion oder Nylon) mit einer Schicht Blasen-Gel aus dem Drogeriemarkt an den bekannten Problemzonen; darüber weiche, getragene Wandersocken
  • Kurzarm Outdoor Hemd
  • ¾ Tight
  • darüber dünne Outdoor Hose mit Zipoff-Beinen
  • Outdoor  Jacke (im Rucksack)
  • Rad Regenkombi dünn aber dicht (im Rucksack, nur wenn Wolkenbrüche vorauszusehen)
  • Schirmmütze

Ausrüstung:

  • Rucksack (deuter Speed Lite 20 – voll durchdacht zum kleinen Preis)
  • Regenhülle für Daypack
  • Sonnenbrille
  • Stirnlampe
  • Leki Makalu Treckingstöcke
  • Garmin Oregon Handheld GPS (mit der Strecke der Horizontalen als .gpx Datei)
  • Garmin Forerunner 310
  • Taschenlampe
  • Taschenmesser
  • 1,5 Liter Wasserblase
  • Riegel und Gels
  • Medi-Pack (Heftpflaster, Blasenpflaster, Blasengel
  • ausreichend Batterien (das Navi frisst was weg)
  • Trinkflasche für die Seitentasche (nur bei echt warmem Wetter)

Geschultert ist die Menge durchaus tragbar (wobei ich zugegebenermaßen nur ein paarmal zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her gelaufen bin, und dabei das muffige mundende Wasser aus dem Trinkbeutel auf die darbenden Zimmerpflanzen verteilt habe…).

Ob das alles wirklich brauchbar, sachdienlich und sinnvoll war, wird sich spätestens in der Nacht von Freitag auf Samstag zeigen. Ganz langsam werde ich nervös…gaaanz langsam…

 

 

 

Mit Training Lab auf neuen Wegen zur Quantifizierung des Seins

Dem berühmten deutschen Philosophen Kant zufolge, wird unsere gesamte menschliche Erkenntnis durch basale, begriffliche Formen des Denkens strukturiert, die der kluge Königsberger Kategorien nannte. Was nicht durch die Begriffe der Qualität (etwas Bestimmtes Sein), Quantitat (eine bestimmte Menge von etwas Sein), Relation (etwas im Verhältnis zu etwas anderem Sein) und Modalität (etwas in bestimmter Weise Sein)  immer schon bestimmt ist, ist für den Menschen schlichtweg kein Gegenstand, den er erfahren kann.

Soweit das philosophische Vorspiel zum Menschen als Mensch – nun zum Menschen als Läufer.

Für Menschen die Laufen, zählt von diesen Kategorien vor allem jene der Quantität. Läufer – und auch ihre multisportlichen Artgenossen wie Tri- und Duathleten – tendieren dazu, alles, was sie sind, in zählbare Größen umzuwandeln. Wer auf die Frage: „Wie war dein Lauf?“ mit „Entspannt. Ich war so ungefähr eine Stunde bei schönem Wetter im Park“ antwortet, ist ein Jogger. Der Läufer, der diesen Ehrentitel mit Fug und Recht beansprucht, druckt dem Fragenden ein Excel-Sheet mit den circa 25 wichtigsten Parametern aus. Distanz, Höhenprofil, Pace (min, max, Schnitt), Geschwindigkeit (min, max, Schnitt), Zeit, Höhenprofil, Kalorienverbrauch, Pulsfrequenz nach vorher festgelegten Belastungsstufen unterteilt, zudem Wetterdaten und eine Karte der Strecke – wahlweise als Skizze oder Satellitenfoto mittels Google Maps Import.

Auch die immens schlaue Kappe der süddeutschen Firma O-Synce, die ich seit geraumer Zeit Zwecks Langzeittest in meinem Besitz habe und bereits zum Gegenstand einer ersten Beurteilung gemacht hatte, gestattet dem laufenden Vertreter des postmodernen Homo sapiens nicht nur dank ihres multipel belegbaren Displays eine gediegene Selbstquantifizierung; die zugehörige Software, die zum kostenfreien Download auf der Webseite des Unternehmens bereitsteht, ermöglicht zudem die Führung eines sportiven Diariums, oder weniger geschwollen: eines vollumfänglichen Lauftagebuchs, das sogar den Import von Bildern gestattet.

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Vor allem die Internet- und Social Media- Skeptiker, die überhaupt keine Lust dazu verspüren, sich bei einer der zahllosen Online-Communities für LäuferInnen anzumelden, werden angesichts dieses Programms frohlocken, denn Training-Lab bietet offline, was andere Hersteller nur in Verbindung mit einer Registrierung bei dem jeweiligen Online-Portal bieten. Online geht natürlich auch – ist aber kein Muss.

Vor allem die Möglichkeit eines Bilder-Upload wertet das Lauftagebuch ungemein auf. Was ich bislang noch nicht herausbekommen habe, ist, wie man die Höhenunterschiede ermittelt. Wäre es unmöglich, mit dem Sports-Visor Screeneye X und der zugehörigen Software Training-Lab diese Daten zu erheben, wären derlei Datenfelder – wie sie (siehe oben) Bestandteil jeder Tagesansicht des Trainingstagebuches sind, schlicht überflüssig.

Hier wird sicher von Herstellerseite ein Statement folgen.

Fürs Erste so viel als vorläufiges Fazit: Schnelle und einfache Datenübertragung (Kabel) in Richtung der kostenlos herunterladbaren Software. Letztere bietet nette Features, die sich von den Standards der Mitbewerber positiv abheben (vor allem als offline nutzbares Lauftagebuch mit Bilder-Import); wechselnde Ansichten, die einen differenzierten Überblick von Tag bis hin zum ganzen Jahr gestatten und jede Menge weiterer grafischer Gimmicks, die es dem ambitionierten Hobby-Renner erlauben, sich in toto in Quantität aufzulösen.

Da die Tage länger werden und auch für frühe Vögel genug Licht am Firmament zu finden ist, um das Display des Screeneye-X zu illuminieren, wird es nun noch sehr viel öfter heißen: „Liebes Tagebuch…“.