Kategorie: Laufgeschichten

Herkules: Wasserspiele mit zwei Kerlen

wer angesichts der Überschrift die Hoffnung hegt, es ginge im Folgenden um die Beschreibung eines Erotik-Streifens der eher exotischen Art aus den frühen 80ern des vorigen Jahrhunderts, wird leider enttäuscht.

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Vielmehr gilt es von einem Run im Rahmen einer Dienstreise ins nördliche Hessen zu berichten. Näheres verkünden die folgenden vierhebigen Verse in grobschlächtigem Metrum:

Wer bei einer Körperschaft/mehr geistig als mit Körper schafft/tut gut daran in Morgenstunden/wenn noch im Schlafe liegt der Rest/er mit Elan das Bett verlässt/im Sportdress eilt zur Straße unten;/und lang vor der wicht’gen Versammelung/sich widmet der Leibes Ertüchtigung./Freund Martin hat mit Vorbedacht/uns eine Strecke mitgebracht/Dank GPS und Google-Map/scheucht er mich auf die Gass – der Depp!/Viel Höhenmeter und lange Distänzen/wen wunderts – Adonis will neuerlich glänzen./Es nieselt leise und ist schwül/ich schwitz schon, er wirkt frisch und kühl./Knopfdruck und los, in zügigem Trab/Gott sei’s gedankt, zunächst bergab./Doch schon bei Kilometer zwei/ist’s mit dem Flachlandsport vorbei/der Weg schraubt sich hinauf zur Höhe/ich nur mehr des Mitläufers Rücken sehe/und klar – der Saukerl sei verflucht – /dass jetzt die Plauderei er sucht./Ich schnaufe, bleibe die Antworten schuldig/Was denn los sei, forscht er ungeduldig./Er schmunzelt süffisant hinüber/“Geht es nicht etwas schneller, das wäre mir lieber“./Zum Glück entschädigt die Schönheit der Strecke/für sein Genecke an fast jeder Ecke./Ist Kassel auch sonst nicht gerade Paris/der Bergpark am Schlosse ist traumhaft, gewiss/Beinahe klischeehaft mutet’s hier an/mit Blumenpracht, Wasserspiel, Brücken und Schwan./Wenn nur die dämliche Steigung nicht wär/ich fühlte mich geradezu elitär./An Wilhelmsruh sind wir lang schon vorbei/dann seh‘ ich die Stufen/circa hundert mal drei…/Dass Steigen haben wir beide bald satt/doch belohnt für die Leiden der Blick auf die Stadt./Wie einst Rocky spring ich über die letzte Treppe/schön wär’s wenn ich Luft noch zum Jubeln hätte./Schnell ein Selfie, viel länger hält es uns nicht hier/auf waschechten Trails geht’s bergab ins Quartier/Das ist mein Gelände, hier bin ich mal fix/downhill stoppt ein Schwergewicht so schnell nix./Meinen Mitläufer martert die Muskulatur/Gott ist wahrlich gerecht, so denke ich nur./Wir erreichen den Hof im Morgenrot/was ein Quatsch – es ist hell und zudem ein Hotel./Shake hands und den Schritt Richtung Dusche gelenkt/wieder jeder für sich, nicht dass einer was denkt…/

Tja Maddin, hier endet das Versepos schon/besten Dank für Recherchen und Motivation!

Waterloo – couldn’t escape…

Bei dem Begriff Waterloo denken Touristen an eine historisch relevante Gemarkung in Brabant, Alt-Popper an den Evergreen eines inzwischen Fischpaste produzierenden Pop-Quartetts aus Skandinavien, des Englischen mäßig mächtige Menschen an ein Slangwort für ein Klo mit Wasserspülung und irgendwie Alle an ein Synonym für eine Niederlage vernichtenden Charakters.

Dummerweise ist mein Weg in Richtung viertes Finish beim Frankfurt Marathon von Waterloos im letztgenannten Sinne gepflastert. Ich laufe, aber es läuft nicht – wenn wir vom Schweiß absehen.

Im Waterloo-Szenario mime ich den fetten (wenngleich hochgewachsenen) und mit Frau und Kindern versehenen Korsen Bonaparte, der von einem drahtigen Single-Wellington wiederholt vernichtet wird. Letzterer sitzt zwar gewöhnlich in der Bio-Sauna auf den Bodenplatten nahe der Tür, um nicht von Plümeranz dahin gerafft zu werden; hat aber aufgrund seines mindergebundenen Sozialstatus ausreichend Zeit, seine hagere Physis in der Muckibude und auf dem Rad exzessiv zu stählen. Meine so beschaffene Nemesis  – derzeit noch mein bester Freund – hat es sich zum traurigen Lebenszweck gemacht, mich immer wieder Demut zu lehren, was dem Katholiken, der ich bin, durchaus frommt, aber dennoch Qualen bereitet.

Wie will man als willensschwacher Familienvater mit einem Menschen konkurrieren der den Anstieg zum Marburger Kaiser Wilhelm Turm hinaufrennt, ohne zu schwitzen und dabei noch an sein Aussehen beim Foto-Finish denkt?

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Juli 2014: Nachdem ich mich dehydriert und entkräftet auf ansteigenden Serpentinen verirrt hatte, traf ich am Gipfel Antonio Banderas Double mit einem Omaschlüpfer auf dem Kopf. Ich dachte, ich halluziniere, aber der Selfie zeigt die objektive Realität.

Die Liste der Niederlagen ist lang. Mehrfache Züchtigung durch den obgenannten Kollegen. Halbmarathonzeiten von 02:11 beim Volkslauf in Rosbach-Rodheim, wo es mir im vergangenen Jahr erstmals vergönnt war, die zwei-Stunden-Grenze zu unterbieten; hierzu gehören ausgedehnte Gehpausen in der zweiten Runde und die Begegnung mit einem drahtigen Opa, der mich beim Erreichen der letzten Trinkstation wie folgt aufmunterte: „Jung du braachst Elektrolüdde. Da rennense los wie die Debbe unn mache alles falsch. Wenn die Bei laafe solle, muss dess Blut fliese. Gebt dem Käll ma Elektrolüdde und dann schöö weider trabe. Is nemmä weit!“. Ich hätte dem Opa gerne gesagt, dass ich den Marathon bislang auch ohne seine Sch…elektrolyte beenden konnte, aber dummerweise war ich so dehydriert, dass mein Mundwerk nur leise raschelte, wie eine alte, vergilbte Zeitung.

In summa: Ich bin zu schwer, um schnell zu sein, aber zugleich zu ehrgeizig, um stehen zu bleiben. Wo Schlankere sich klassifizieren, kann ich einzig durch Härte im Leiden brillieren. Was liegt da näher, als die kleinstmögliche Ultra-Distanz (50 Kilometer) im Wettkampf zu probieren?

Es gibt Jemanden, dem ich liebend gerne eine Teilnahme an den zehnmal fünf Kilometern in Rodgau im kommenden Januar spendieren würde… Ich stehe seit vier Wochen auf der Teilnehmerliste und da ist noch reichlich Platz.

Spezialschuhe für schwere Läufer oder Shopping kann so sch… sein

Es ist schlicht wahr und bedarf keiner breiten Diskurse: die Beitragsdichte dieses Blogs ist geringer geworden. Dies hat weniger mit einer Schreibblockade zu tun, als mit der Geburt des Stammhalters und weiterer zeitintensiver Engagements, die wenn überhaupt, so allenfalls mittelbar mit dem Thema Laufen zu tun haben. Zudem war der Bestzeiten-Hattrick des letzten Jahres Grund einer eher laxen Haltung zum Wintertraining. Wenn sich Umfänge vermehrt haben, dann die der Hüften, nicht jene der Workouts. Viel Läuferisches zu berichten gab es also nicht. So weit die Apologie.

Doch ganz gleich wie träge der Winter und wie faul das Früjahr war: allerspätestens wenn der Sommer sein dauerhaft sonniges Antlitz zeigt, mehren sich die Zeichen, die den Läufer dazu zwingen, sich vom Lotterlager herunter und im Frühtau die Berge hinauf zu wälzen; in der Hoffnung, aus dem Wälzen möge alsbald wieder das gewohnte elastische Hüpfen und Schweben werden. Eines der Zeichen ist der Speckring im Hüftsektor und der Blick auf das Thermometer, bei dem klar wird, dass man diesen Makel nicht mehr lange unter der Übergangszeit-Laufjacke verbergen kann (was in diesem Jahr ohnehin dadurch erschwert wird, dass die Trendfarbe bei leichten Laufjacken nicht schwarz, sondern transparentes Papageiengrün ist…).

Ein prima Motivator ist immer der Ausrüstungs-Neukauf und so entschloss ich mich unlängst zu einem Laufschuh-Shopping. Gleich zwei Paar sollten es werden, da sämtliche Treter schon nach dem Herbstmarathon reif für den Müllsack waren. Wie motivierend der Einkaufsbummel werden würde, hatte ich jedoch nicht erwartet. Die erste Station war die ortsansässige Filiale des Runners Point. Hier war alles bestens. Ich fragte direkt nach einem Auslaufmodell zu einem günstigen Preis und erstand ‚meinen‘ langjährigen Favoriten, den Supernova Glide von Adidas in der fünften Auflage. Zwar ohne den sagenumwobenen ‚Boost‘ in der Sohle, dafür für unter 90 Euro, also sagenhaft wenig Kohle und in coolem grün-grauen Look. Top Kauf, und beim Rausgehen fragte der sympathische Verkäufer noch, ob ich mal im Skateladen an der Hauptwache gejobbt hätte. Ich käme ihm bekannt vor und auch wegen der Klamotten und so (Carhart Label Shirt und Lakai Sneaker, ließen zumindest auf eine gewisse Rollbrett-Mode Affinität schließen). Ich verneinte wahrheitsgemäß, fühlte mich dennoch geschmeichelt, denn Skateshop-Mitarbeiter sind lässige, sportive, gute Typen.

Was mir hingegen wenig später in meinem Favoriten unter den Frankfurter Sportgeschäften, dem Laufshop,  wiederfuhr, war weniger zu Bauchpinsel-Gefühlen angetan. Eher dazu, besagten Körperteil krampfhaft einzuziehen. Dies Widerfahrnis ist nun der eigentliche Grund meines Berichts.

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Ich hatte ja bereits an anderer Stelle meine Überzeugung kundgetan, aufgrund verschiedener Faktoren geradezu bestens für den Barfußlauf präpariert und geeignet zu sein. Was lag also näher, als im Fachgeschäft meines Vertrauens nach ein paar Tretern mit Minimalgewicht und bar jeder Sprengung zu fragen? So betrat ich also den Laden und wurde sofort von einer jungen Dame mittleren Alters als zu beratendes, potentiell kaufaffines Individuum wahrgenommen und betreut. „Ich brauch mal wieder Schuhe und aufgrund meiner Erfahrungen im Training wäre gegen Minimal- oder auch Natural Running Schuhe nichts einzuwenden.“ – so in etwa lautete die verbale Stehvorlage für jeden ambitionierten Shop-Clerk, die ich von mir gab (hoffend, sie würde ganz in meinem Sinne Gehör finden). Die Gegenfrage kam auf dem Fuße und in einer Lautstärke, die niemandem in dem überschaubaren Verkaufsraum die Möglichkeit einräumte, diese Frage zu überhören: „Sag mal, was wiegst Du eigentlich?“. Shit… mit der Art Replik hatte ich in meiner Antizipation so gar nicht gerechnet. Wiegen? Was soll das denn jetzt? Ich wollte doch Minimalschuhe kaufen und jetzt fragt die Dame nach Maximalwerten? „So dreieenneunzig; viellaich viernneunzig oderso…“ gab ich nuschelnd zum Besten. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. „Nach Stand der Sportwissenschaft beginnt ab einem Körpergewicht von 85 Kilogramm der ‚schwere Läufer‘“, ließ die Koryphäe lautstark verlauten. Etwa die Hälfte der anwesenden Spargeltarzäne und -janes äugten in unsere Richtung. „Mit Deinem Gewicht zählst Du definitiv zu den schweren Läufern“. Die mentalen Potentiale der Schuhverkäuferin hatten meine Mannigfaltigkeit für alle verständlich unter einen Begriff gebracht und mir brach grundlos der Schweiß aus. Ein Kind im Addidas Shirt- seines Zeichens Ausgeburt eines hageren Triathleten Mitte Vierzig – zeigte in meine Richtung. „Was ist mit dem Mann da, Papi?“„Das ist ein schwerer Läufer. Schau da nicht so hin“. Meine erbarmungslose Beraterin hatte inzwischen ins Regal gegriffen und ein filigran wirkendes buntes Schuhchen entnommen. Damit ausgestattet richtete sie neuerlich das laute Wort an mich. „An so einem Minimalschuh ist nicht viel dran“. [„Im Gegensatz zu Dir, Fatso“] ergänzten sie und der Rest der Anwesenden mit großer Wahrscheinlichkeit in Gedanken. „Beim Laufen wirkt bei jedem Schritt das Dreifache des Körpergewichts auf die Gelenke und auf das Material.“ – Lautstärke rauf – „In Deinem Fall also das DREIFACHE Deines Gewichts!“. Sie legte halb unbewusst eine Hand schützend auf den zarten Schuh, den sie mir soeben präsentiert hatte, als wollte sie ihm deutlich machen, dass sie ihn mit allen Mitteln und gegen die Umsatzerwartungen ihres Arbeitgebers vor dem schrecklichen Schicksal bewahren wollte, zwischen meinen Pfunden und dem harten Belag der Frankfurter Straßen binnen weniger Kilometer zu neonbuntem Staub zermahlen zu werden. „Ich hole Dir mal ein geeigneteres Modell.“ Gesagt getan. Der Mizuno, den sie anschleppte, sah zwar nicht wie ein Natural Running Schuh, ansonsten aber ganz normal aus. Als ich das Modell später im Internet suchte, wurde der Treter als Neutralschuh/Dämpfung kategorisiert. Die Worte, mit denen sie mir meinen potentiellen neuen Weggefährten vorstellte, waren jedoch bestens geeignet, als erstes Glied in einer fragwürdigen Assoziationskette zu fungieren. „Das hier, sind Spezialschuhe für schwere Läufer.“ Spätestens jetzt hatten wir alle Aufmerksamkeit. Bilder von klobigen Rübezahlschuhen mit einer Sohle wie bei Tiefseetauchern aus einem Jules Verne Buch wechselten vor meinem inneren Auge mit den Schaufenstern von Sanitätshäusern ab. Spaß machte hier gerade gar nichts mehr. Ich beschloss die Dinger zu kaufen, um der Dame den Mund zu stopfen und äußerte dies mit Entschiedenheit. Aber so leicht sollte es dem schweren Läufer nicht gemacht werden, aus dem Basar des Grauens zu entfliehen. „Anprobieren solltest Du sie schon. Und am besten eine Runde damit Laufen“ [Trompetensolo: Herrrrrreinspazierrrt! Manege frrrrei für den grrrrrotesken Fettsack in Spezialschuhen!] Ich zwängte mich mit feuchter Stirn und vollends lustlos in meine neuen Spezialschuhe. Dafür wurde mir noch, die Frage zuteil, ob mir schon mal jemand gezeigt hätte, wie man einen Laufschuh richtig schnürt… Hier kürze ich ab. Ich rannte in hochgekrempelten Jeans und Spezialschuhen pflichtschuldig vor dem Laden hin und her und bezahlte die Treter, die ich jetzt schon aus tiefster Seele hasste, wobei mir die Blicke im Rücken brannten und der Schweiß in den Kragen strömte. Nur raus hier.

Auf dem Kauf lag kein Glück. Zumindest entpuppten sich die Spezis als Fehlkonstruktion, denn binnen zweier Wochen, in denen ich die Mizunos abwechselnd mit den neuen Addidas Schuhen trug, lief ich das Gummprofil bis auf die Zwischenschuhe runter (an den Supernovas war nichts dergleichen zu bemerken). Zurück im Laufschop wurden die Treter nach kopfschüttelndem Blick auf die Sohle und das Datum auf der Quittung anstandslos umgetauscht. Gegen schicke, schwarzweiße Brooks mit Namen Dyad (klingt wie Diät…). Entschädigt wurde ich durch die Frage der jungen, anderen Verkäuferin, ob ich so Ultraläufe mache (sicher nur in der Hoffnung, die Schuhe nicht zurücknehmen zu müssen).

Klar. Ich mache Spezial-Ultra-Triathlons für schwere Läufer. Kennen Sie nicht den Iron-Michelin-Man?“ Ich bekam für diese Replik zwar kein Lächeln aber neue Schuhe. Ganz stinknormale, neue Schuhe.

Abebe Bikini: Barfußlauf am Ostseestrand

Der Name Abebe Bikila dürfte auch jedem Hobbyläufer ein Begriff sein. Im Unterschied zu dem äthiopischen Elitesoldaten und Topläufer, der im Jahr 1960 in Rom barfuß olympisches Gold auf der Marathonstrecke holte, gewann ich bar jeden Schuhwerks zwar keine Medaille, wohl aber eine der schönsten Lauferfahrungen – dieses Urlaubs, dieses Jahres und überhaupt.

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Jeder, der auch nur gelegentlich ein Laufmagazin oder eine dem Laufen gewidmete Internetseite studiert, kennt die Megatrends in Richtung Natur. Einmal das Trailrunning, das den Läufer jeder Leistungsklasse ins Abseits befestigter Wege lockt und zurück in die Natur (oder das, was wir modernen Menschen so zu nennen belieben) führen will. Zum anderen das Barfußlaufen oder dessen leicht geschützte und maßvoll gestützte Vorstufe, die gemeinhin unter dem Begriff Natural Running firmiert. Noch vor wenigen Jahren hätte auch der Läufer auf die Frage, worum es sich bei „Sprengung“ handelt, an ein Geschehen in Steinbrüchen oder beim Abriss riesiger Industrieschlote gedacht. Heute konkurrieren nahezu alle Laufsportler beim Vergleich ihrer neuen Schuhe mit deren Sprengung wie Kinder beim Quartettspiel – nur mit dem Unterschied, dass hier stets die kleinste Zahl den Sieg bringt. Wer noch mit Schuhen regulärer Sprengung über geteerte Straßen schlappt, ist absolut out. Die Sprengung – also der Höhenunterschied zwischen Vorderfuß und Ferse – ist beim Barfußlaufen gleich Null, bei Natural Running Schuhen in der Regel bei maximal vier bis sechs Millimeter.

Natürlich kann sich jeder Depp so einen Schuh kaufen, zumal die reichlich abgespeckten Flachtreter aufgrund der nicht eben geringen Materialersparnis deutlich billiger als mancher Stabilschuh zu haben sind. Doch so einfach geht es nicht. Wer mal eben so von Normalo-Laufschuh auf Barfußschuh umsteigt und gleich ordentlich Meter macht, kann sich fühlen wie Achill, nachdem ihn der Pfeil getroffen hatte. Der untrainierte Barfußlauf endet rasch mit einem Abriss der Sehne mit dem sagenhaften Namen des Helden von Troja. Also konkurrieren die Sprengungsvergleicher nicht nur mit der Zahl, sondern mit den dahinter verborgenen Trainingseinheiten, die zur ganz behutsamen, laufenden Annäherung an die natürliche Form des Laufens bar jeder Schuhe unabdingbar sind. Auch ich hatte angesichts der Verletzungsgefahr bislang zwar mit dem Natural-Running geliebäugelt, aber die Finger oder besser Zehen davon gelassen. Neue Schuhe kaufen für maximal fünfzehn Minuten Rennen am Stück? Eher unsexy; wenn ich schonmal mehr als 20 Euro für Material ausgebe, dann will ich auch damit Strecke machen.

Auf meiner Urlaubsreise, die mich neben anderen schönen Lauforten auch an den morgendlichen Strand des Ostseebades Zinnowitz auf der Insel Usedom gebracht hatte, wurde ich durch die atemberaubende Schönheit der Brandung im Morgenlicht verführt.  Zunächst hatte ich nur vor, barfuß durch den tiefen Sand in Richtung Wasser zu laufen, um die Füße kurz zu kühlen; doch das war nicht genug – zumal ein anderer und deutlich älterer Läufer mit Triathlonfigur (enemy mine) und geradezu elegantem Stil an meiner fußbadenden Silhouette vorbeizog. Also folgte ich ihm in respektvollem Abstand. Nur einen Kilometer, so war der Plan. Doch es war einfach zu schön. Die leicht salzige Luft (Ostsee), das schimmernde Meer, das wärmer war als der nachtkühle Sand. Die Muscheln und rundgewaschenen Steine als abwechslungsreiche Reflexzonenmassage unter der Fußsohle. Ich lief und lief und lief, bis die Taucherglocke (Wahrzeichen des Zinnowitzer Strandes) hinter mir verschwunden war. Und die bedeutet gut fünf Kilometer in eine Richtung. Langsam wurde mir doch mulmig. Kann es sein, dass sich ein Abriss der Achillessehne erst Stunden nach dem Lauf mit grauenhaften Schmerzen bemerkbar macht (würde man es sofort merken, bliebe ja jeder stehen und keine Sehne risse jemals…*schluck*)? Betäubt die Brandung, die stetig um die Füße und Waden spült den bereits vorhandenen reißenden Sehnenschmerz?

Die banale Erkenntnis keimte mir nach rund neun Kilometern. Ich war trainiert und zwar seit Jahren! Auch wenn ich noch einen Laufschuh ohne Sprengung in meinem Besitz hatte, laufe ich beinahe täglich mit 100 Prozent platten Schuhen herum und das seit Jahrzehnten: Skaterschlappen – flacher ist nackt!

Die letzten dreieinhalb Kilometer flog ich durch den Ostseesand. Ich war Barfußläufer, kein sprengungsverwöhnter Stützschlappensoftie!  Die Bikinischönheiten die meinen Sprüngen mit gierigen Blicken folgten waren zwar nur Einbildung; nackte Haut am frühen Strand zeigten nur ostdeutsche FKK-Rentnerinnen und Rentner beim morgendlichen Vollkontakt mit der kalten Quallenbrühe; Aber egal.

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Ich werde diesen Morgenlauf nicht vergessen – auch wegen des Erinnerungsfotos das eine (angezogene) junge Touristin dankenswerterweise von mir schoss. und wenn beim Frankfurt Marathon Momente der Verzweiflung lauern sollten, wird mich diese Erinnerung weiterlaufen lassen. Und nach dem Zieleinlauf humple ich auf die Marathon Mall und kaufe mir endgeile Barfuß-Trailschuhe. Noch Fragen?

 

Niemals geht man so ganz… – zumindest keine 42 Km

Da ich eigentlich – ungeachtet der guten Erfahrung mit Jeff Galloways Methode beim Adventsmarathon in Bad Arolsen im letzten September – beim morgigen Marburger Nachtmarathon gar nicht gehen, sondern entspannt und mit gutem Gefühl laufen möchte, habe ich die Vorbereitung ernst genommen. Dem Spontanentschluss zur Teilnahme (zu dem ich durch das Geschenk derselben liebevoll genötigt wurde) trotzend, liegen einige Läufe deutlich über 20 Kilometer hinter mir.

Lustig (besser in Doatmunder Sprechweise: lustich) war der Lauf vor 14 Tagen im Herzen des Ruhrgebiets. Um nicht die ganze Zeit mutterseelenallein auf dem flachen Rheinischen Esel hin und her zu rennen hatte ich vor dem Trip in den Pott den Lauftreff Bittermark aufgetan. Die sportlichen Herren und Damen heißen Gäste in ihren Reihen gern willkommen, beantworten ihre Mails so schnell, wie sie laufen und sind ungeachtet aller Ambitionen sympathisch und echt tiefenentspannt (zumindest die Mitglieder der 6,30 min/km Gruppe, der ich mich für 18, 5 Kilometer Phoenix-Runde entlang der Zentren einstiger Stahlkultur und durch die schönsten Parkanlagen der Meisterstadt angeschlossen habe). Wir liefen bei bestem Laufwetter zügig aber ohne jede Hektik, ich lauschte den Erzählungen eines mehrmaligen Rennsteig-Ultra Finishers und holte mir manchen guten Rat zum Einstieg in die Ultra-Szene. Wir umkreisten den neuen Phoenix See, der als Top-Lage und Naherholungsgebiet dort lockt, wo früher die Schlote rußten und kamen dem letzten noch vorhandenen Hochofen des Reviers sehr nahe. – Insider merken, dass viele der Strecken des LT Bittermark einst auch im Rahmen der nur zweimal ausgetragenen Trailrunning Worldmasters in DO gelaufen wurden. Der 5 Kilometer Phoenix-Sprint durch den Hochofen zum Einstieg war und bleibt legendentauglich – ebenso wie der Ruhrklippen Trail, der einmal im Monat auf dem Programm des LT steht.

Nach 18,5 Kilometern waren wir wieder am Ausgangsort und ich war (wie unser Laufgruppenführer schon 2,5 Kilometer vorher wissend feststellte) „noch nich fettich mit Laufen, woll?“. Der Rat war gut: „Jetz gehse hia links in Wald, steil rauf bis nich mehr weita geht un wieder runter – dann haste noch’n 6er draufgelecht“.

WP_000979Ich nahm den Rat an und wurde mit einer echt anekdotenreifen Szene belohnt, die ich hier zum Besten geben muss. Der Berch – Verzeihung: Berg – war knackich. Auf halber Strecke Richtung oben, brachte mich ein natürliches Bedürfnis dazu, kurz den Weg zu verlassen – kein Wunder, hatte ich doch meinen Trinkrucksack bis auf die nackte Plaste leergesüppelt. Als ich wieder zum Weg kam, nahten sich zwei Mountainbiker. Jünger als ich. Gutes Gerät. Gute Figur. Coole Brillen. Ganz kleiner Gang… Ich lief bar jeder bösen Absicht los, aber irgendwie kamen die Jungs „nich so richtich wech“. Nach einer Minute liefen – pardon fuhren – wir im Trio bergan.

Es entspann sich ein kurzer Dialog, wie er sich bestimmt nur an diesem Ort und bei diesem Menschenschlag entspinnen kann: Biker (kopfwendend): „Ey dat is ja jetz wol voll scheisse oder?!“ – Ich (grinsend, japsend): „Ich find die Situation jetzt nicht so ganz schlecht.“ – Biker 2 (kopfschüttelnd): „Samma kannse nich ma watten, bis wia was wech sin, dat is ja voll Panne“ – Biker 1: „Geübter Läufer, woll?“ – Ich (keuchend): „Geht so, eher Hobby-Marathonläufer“ – Biker 2 (was lauter): „Wia machen hia auch nur Erholungsfahrt“.

WP_000977Fazit: Gemeinsam mit zwei Bikern 1,76 Kilometer steiler Anstieg bis zur ‚Eiche‘ aufm Plateau (dann ein echt nettes, sportliches ‚Tschüskes‘ unter Männern). Runter mit jeder Menge Bock und noch eine Truppe netter Läuferinnen überholt. – Der perfekte Tag.

Vor fünf Tagen dann von Königstein im Taunus bis Frankfurt Bornheim: 25,5 Kilometer.

Marburch – ich bin auf’m Wech zu dia…

Tre Stagioni: Jahreszeitenwechsel auf Vulkaneifel-Trails

Ein Kurzurlaub, den mir meine Angetraute spendiert hat (stets ideenreich ohne Vergleich), führt uns familiäres Dreigestirn in einen Center Parc in der Vulkaneifel. In Anbetracht der läuferischen Herausforderungen dieses noch jungen Jahres (davon wird noch zu berichten sein), ist klar, dass ich die Zeit auch für ein paar ausgedehnte Trainingsrunden nutzen werde – nicht annähernd so fix, wie die Sportskollegen auf dem nahen Nürburgring, dafür aber umweltschonender und auf überwiegend unbefestigten Wegen.

Für den ersten Eifel-Trail nehme ich mir eine der Wanderrouten vor. Hochkelberg-Panoramapfad klingt nach wadensprengenden und ruhmreich zu bezwingenden Steigungen nebst ordentlich was zum gucken. Also packe ich es an. Vom Ferienpark geht es hinab ins Dörfchen Gunderath und vom Ufer des nahegelegenen Heilbachsees in weiten Schwüngen bergan. Neben den abwechselnden Kulissen – den Wäldern, Weiden und beschaulichen Weilern – wird der Reiz des Cross-Country-Laufs vor allem dadurch immens gesteigert, dass sich drei Jahreszeiten um die Vorherrschaft balgen. Es ist frühlingshaft warm, auf weiten Teilen der Strecke liegt dessen ungeachtet noch reichlich Schnee und Sonnenlicht auf braun belaubten Ästen weckt Erinnerungen an den letzten Herbst.

Kalter Frühling in der Vulkaneifel
Kalter Frühling in der Vulkaneifel

 

Mit den Jahreszeiten wechseln auch die Untergründe jäh ab. Akustisch am eindrucksvollsten ist der dicke, verharschte Schnee auf grobem Schotter. Unterhalb des Schnees hat sich Tauwasser Bahn gebrochen und einen Hohlraum geschaffen. Bei jedem Schritt sinkt die Schneedecke ein paar Zentimeter ab und es entsteht zeitversetzt ein zweites, dumpfes Trittgeräusch. Fast klingt es, als wäre mir etwas Großes und Schweres unmittelbar auf den Fersen. Bigfoot, Rübezahl (falsche Gegend), Grüffelo, übergewichtiger Sittenstrolch auf Schneeschuhen???? Ich ertappe mich zweimal beim Drehen des Kopfes, zumal in der Höhe die menschlichen Fußabdrücke weniger, die der zwiegespaltenen Wildschweinklauen dagegen sehr viel mehr werden. Ich bin auf Schweineland. Wahrschau!

Im dichten Fichtendickicht begegne ich einem Jäger mit geschulterter Bock-Doppelflinte. „Hallo, bin ich noch auf Wanderroute 34?“ – „Ach herrjeh… (Übersetzung: Hast du Depp nichts besseres zu tun und zu fragen?)“ – „Den Spuren nach hat‘s hier massig Schwarzwild, haben die schon Frischlinge? Ist es gefährlich…?“ – „Die ersten sind schon da, aber so lang sie die Bache nicht in die Enge treiben…“ – „Waidmannsheil!“ – „Waidmannsdank!“. Insgeheim hoffe ich, dass die Bachen nicht auf die Idee kommen, mich Nicht-mehr-ganz-so-frisch-Ling in die Enge zu treiben. Wer bereits 12,5 Cross-Kilometer in profiliertem Terrain in den Waden hat, flieht und klettert nicht mehr allzu geschwind. Glücklicherweise kreuzen heute nur Rehe meinen Weg. Die Sauen  suchen sich wahrscheinlich fettere und leichter zu stellende Beute auf den diversen Routen des Nordic-Walking-Parks.

Höchster Punkt der Tour ist der Hochkelberg – obenauf fast vollständig militärischer Sicherheitsbereich und zudem von Pluto aus dem Urfeuer geschaffen. Die Eifel ist ein Vulkanmassiv, das nur mal eben ein kleines Nickerchen macht. Erst 10.000 Jahre seit dem letzten Ausbruch. Als ich die letzten Höhenmeter durch Schneematsch und aufgeweichtes Erdreich bis auf den Gipfel des Hochkelbergs mehr krieche als laufe (natürlich auch um mich trailmäßig einzuschlammen wie eine kapitale Wildsau), bin ich mir sicher: das einzige, was hier heute ausbricht, ist mein Schweiß. Tatsächlich finde ich auf dem höchsten Punkt eine kraterartige Vertiefung und auch meine Poren sind kraterartig geweitet. Vulkaneifel-Feeling pur. Ich steige auf eine grobe Holzbank und lasse aus salzverkrusteten Augen den Blick in die Weite schweifen. Wow! Der halbe Kilometer Steilhang hat sich mehr als gelohnt. In den Sommermonaten muss das Panorama atemberaubend sein (heut ist mein asthmatische Röcheln vor allem dem Anstieg geschuldet).

Als ich wieder an unserer niederländisch-spartanischen Hütte im Center Parc ankomme, liegen knapp 16 Kilometer abwechslungsreichen Geländelaufens hinter mir. Der zweite Run zwei Tage später steht dem in nichts nach. Ob die Bergtour positive Spuren hinterlassen hat, wird sich morgen zeigen: Am 10. März beim diesjährigen Lufthansa Halbmarathon in Franfurt.

Camping B. – No Go Area für verdurstende Läufer

Ich gebe es zu: ich bin ein Schnorrer. Allerdings schnorre ich weder Zigaretten, noch 50 Cent Stücke noch andere ähnlich gern geschnorrte Gegenstände. Ich schnorre manchmal Leitungswasser.

Seit meiner lang vergangenen Zeit als extrem übergewichtiger Teenager schwitze ich unverhältnismäßig stark. Dies hat sich auch nach meinem Wandel zum bemüht-sportlichen Normalgewichtler nicht verändert. Schon bei einer gemalten Sonne auf einer Mehlpackung beginne ich zu saften. Dementsprechend hoch ist mein Flüssigkeitsverlust beim Laufen – besonders jetzt im Sommer und im Zuge der immer länger werdenden Strecken vor dem Marathon. Selbst wenn ich bei einem 20km Lauf eine 1,5 Liter Flasche mitschleppe, was mir meist zu schwer ist, komme ich gerade mal so hin. Also bin ich dazu über gegangen, gelegentlich Leitungswasser zu schnorren. Kaum ein Frankfurter Lokal in der Nähe des Mains, wo ich noch nicht freundlich gefragt hätte, ob es möglich wäre, meine leere Pulle im Waschraum kurz aufzufüllen. Für Gotteslohn, wie es in frommeren Zeiten hieß, also umsonst. Selbst in der noblen Gerbermühle wurde mein Ansinnen mit Freundlichkeit und Wohlwollen quittiert, und die Mischung aus Dankbarkeit und ein wenig schlechtem Gewissen ob meines Bittsteller Gehabes, veranlassten mich in den meisten Fällen, die jeweilige Lokalität in Casual Klamotten und selten allein noch einmal aufzusuchen, und ein Bier zu trinken. So gesehen hat sich meine Schnorrerei für die Wirte sogar gelohnt, denn wer mich kennt weiß, ich trinke selten nur ein Bier.

Heute waren mindestens 25 km geplant und aufgrund des dunstig warmen Wetters war meine 0,65 Liter Flasche bereits kurz vor Offenbach Bürgel leer. Als ich die Brücke über den Main querte, fiel mein Blick auf das bunte Treiben eines Campingplatzes. Ich lenkte also die Schritte durch das Tor und einer der Platzgäste wies mir den Weg zu einer Art Kneipe nebst Verwaltung inmitten des Platzes. „Da krisse Wasser!“. Die Brüder hatten bereits sauber geladen, was mich jedoch nicht im Geringsten befremdete. Die Kneipe war leer und roch wie eine Kneipe. Echt Old School, aber auch damit habe ich keinerlei Probleme. Aus dem hefigen Halbschatten trat eine Dame unbestimmten Mittelalters die mich zunächst begrüßungsfrei  und leicht abschätzig musterte. Ich beeilte mich mein freundlichtes Lieblings-Schwiegersohn Lächeln aufzulegen und mein Verslein her zu sagen: „Hallo! Wie sie sehen treibe ich Sport und dummerweise ist mir das Wasser ausgegangen. Wäre es möglich, dass ich meine Flasche bei Ihnen kurz mit Leitungswasser fülle?“ Merke: Wir sind auf einem Campingplatz, wo überall Hähne sind, damit früh am Nachmittag volltrunkene Opas ihre Tennissocken waschen können. Schweigend ruhen die trüben und immer noch abschätzig drein schauenden Augen auf meiner schweißtriefenden Figur. Und dann kam es aus der Zeltplatz-Matrone  hervor: „Dassss ssss eigennlich nichüblich hier!“. Der mehlig-kehligen Abfolge von Zischlauten zufolge hatte auch Madame ihrem ersten Schoppen schon lange vor meiner Ankunft Ade und seinen Nachfolgern Hallo gesagt. Dazu präsentierte sie ein scheppes Lächeln. Zuerst ließ mich diese Mundverzerrung glauben es käme noch was nach, wie: für so fleißige Läufer mach ich gern mal ne Ausnahme, aber stattdessen erstarrte sie mit verschränkten Armen und nunmehr richtig bösartig grinsend zur Salz- oder Kalksäule wie weiland Lots Weib vor den Toren Sodoms. Völlig perplex ob solch selbstgefälliger Unfreundlichkeit staubte ich von dannen. Die Empörung trug mich auch ohne wässrige Labung bis beinahe nach Hause wo ich nach 27,46km mit einem alkoholfreien Weizen zusammenklappte.

Auf der Homepage bezeichnen sich die Camping-Platzhirsche als „Oase am Main“. Seltsam. Ich muss  den Begriff einer Oase bis heute völlig missverstanden haben.

Ü30 (Teil 2) – Geteilter Lauf ist halber Lauf

Lauftreffs sind eine tolle Erfindung: Sportives Socializing zum Schwätzen und Schwitzen. Als eigenbrötlerischer Misanthrop hatte ich diese tolle Erfindung bislang mit kühler Missachtung gestraft, doch angesichts der Vorstellung eines ersten 30km Laufs hatte ich mich entschlossen, das umfangreiche Marathonvorbereitungsangebot von Spiridon Frankfurt – einem der größten Laufvereine meiner bundesdeutschen Heimat – wahr zu nehmen. Zum Glück, denn allein eine solche Strecke zu bewältigen ist vor allem für die Psyche eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Ich muss gestehen, dass meine Vorurteile durch den ersten Eindruck des Laufens in einer Gruppe Gleichgesinnter und ungefähr Gleichgetrimmter geradezu pulverisiert wurden.

Es beginnt bereits mit der augenscheinlichen Bestätigung, dass man nicht der einzige Depp ist, der den Sonntagmorgen nicht zum Ausschlafen nutzt, und stattdessen in bunter Funktionskleidung und mit seltsamen Beutelchen und Fläschchen an und auf den Hüften schweißtriefend durch die Gegend rennt. Hinzu kommt der massive Einfluss interessanter und größtenteils laufsportbezogener Kommunikation auf das subjektive Zeit und Streckengefühl.

Minuten und Kilometer werden zur gefühlten Hälfte ihrer Dauer komprimiert. Verwundert vernimmt man das Signal der GPS Uhr, dass bereits 20km Strecke bewältigt sind. Nach dem Lauf, der durch die perfekte Infrastruktur des Spiridon Lauftreffs unter einer heißen Dusche am Ziel endet, fühle ich mich nicht nur unbesiegbar und beinhart, wie der Terminator – ich teile auch seine häufig geäußerte Überzeugung: „Ich komme wieder!

Ü30 (Teil 1) – Morgenstund hat Blei im Hintern

Mich frühmorgens am Sonntag zum Laufen fertig zu machen,  gleicht einer Rekapitulation der eigenen Geburt und ist ein ähnlich traumatisches Geschehen. Aus der Geborgenheit und Wärme des Bettes und der Nähe des Weiblichen in Gestalt meiner friedvoll schlummernden Gattin geht es hinaus in die kalte und erbarmungslose Wirklichkeit. Mit verklebten Lidern und fröstelnd lauscht man der Litanei des inneren Schweinehundes: „Warum tust Du Dir das an? Weltrekorde wirst du bestimmt nicht mehr brechen! Schlaf weiter und lass Dir ein Frühstück machen!“ – so klingt sein perfides Mantra.

Doch ich bleibe hart, wenngleich ich froh wäre, wenn wenigstens mein Weib mir zärtliche Bewunderung und tiefen Respekt zollen würde. Stattdessen höre ich nur ein schlaftrunkenes: „Mach das Ding aus!“ als die Weckwiederholung des Mobiltelefons erneut zu Piepen beginnt. Ich trolle mich ins Bad und beginne mit der Routine des Leistungswilligen. Brustwarzen abkleben, Pulsgurt umschnallen und eine dürftige Katzenwäsche vornehmen. Danach in die Klamotten, die ich dummerweise über Nacht  auf dem Balkon hängen gelassen habe.

An der Güte Gottes und meinem Verstand zweifelnd streife ich weinerlich die kälteklamme und feuchte Tight und das Shirt über meinen geht-so gestählten Leib. Dann packe ich alle noch vorhandenen Gele und den köstlichen Rest meiner ersten Tüte Powerbar Ride Shots Cola (Gummibärchen speziell für Mitglieder der laufenden Zunft) in die Tasche, fülle eine 1,5 Liter Wasserflasche mit Frankfurter Leitungsbrunnen und verlasse in meinen alten Adidas Supernova Cushion, dem mit Abstand am Besten eingelaufenen Paar Laufschuhe, das ich besitze, die Wohnung: Volle 30km stehen auf dem Programm – so weit bin ich noch nie zuvor am Stück gelaufen…

Spießbratenlaufen

 

Es ist Sommer. Lange hatte ich gezögert diesen lapidaren, schlichten Satz über die Lippen zu bringen. Regen, Wind und all die seltsamen Zufälle der Witterung in unseren so genannten gemäßigten Breiten hatten mich Zögern lassen. Auslaufender Winter, Frühlingsanfang, Frühlingsmitte, Spätfrühling…Frühsommer? Doch irgendwann gibt es einfach keine sachhaltigen Gründe mehr um Zweifel anzumelden. Schon beim Erwachen klebt die Steppdecke mit der Adhäsionskraft von Gebisshaftcreme an den schlafschweren Gliedern, und die Anstrengung, sie abzuwerfen, lässt salzige Sturzbäche aus jeglichen Poren hervor brechen. In der gut gefüllten U-Bahn auf dem morgendlichen Weg ins Büro sieht man sich genötigt eine Art Gelee einzuatmen, in welchem die synthetischen Kokos- und Vanillearomen diverser Sonnencremes als angenehmste Kopfnoten heraus ragen – von den übrigen Bestandteilen, deren Anteil sich bei der Rückfahrt am frühen Abend deutlich erhöht hat, geflissentlich zu schweigen.weiterlesen