Ja und nicht Ja: Eine Meditation zum Thema Natural Running

Als in grauer Vorzeit die Gattung  Mensch den Plan der Schöpfung betrat, waren die ihr zugehörigen Individuen nackt – von einer dem Grad nach stärkeren Behaarung einmal abgesehen. Diese Nacktheit und damit einhergehend eine gewisse Schutzlosigkeit kompensierte der fälschlicherweise als Mängelwesen bezeichnete homo sapiens durch sein natürliches Potential, sich durch Gebrauch seines Verstandes zu kultivieren und dadurch jedwedem Mangel abzuhelfen. Dank seiner kognitiven Fähigkeiten und eines hochgradig effizienten Bewegungsapparates war der Mensch ein erfolgreicher Jäger und vermochte trotz widriger Bedingungen zu überleben und sich an der Spitze der Nahrungskette zu etablieren. Erwies sich ein Teil seiner naturgegebenen Grundausstattung – etwa die für stundenlanges, zügiges Laufen und Gehen geschaffenen Füße – in gewissen Situationen als verbesserungsbedürftig – etwa bei Eiseskälte und scharfkantigen Untergründen – dachte der homo nach und band sich im Anschluss ein Stück Baumrinde oder dickes Leder mittels Textilstreifen unter die Fußsohlen. Der Schuh war geboren. Eine Schutzschicht für die Füße bei ihrer ganz natürlichen Laufbewegung.

Dummerweise dachte der Mensch immer weiter nach und entfernte sich im Zuge der Kultivierung zusehends von der bloßen Zweckmäßigkeit seiner Erfindungen. Der Grundsatz form follows function galt nicht für die Kleiderungetüme des Rokoko oder für Schuhe, die den Fuß verkrüppeln ließen um dem Schönheitsideal winziger Trippelfüßchen zu entsprechen. Die freie Martktwirtschaft mit ihrem Drang zu exponentiellem Wachstum tat ihr Übriges, um den Gegenstand des Gebrauches und auch den Gebrauch selbst immer wieder neu zu definieren – ob er dadurch wirklich brauchbarer wurde sei dahingestellt.

Auch bei Laufschuhen ist dies zu bemerken. Es gibt Trends und Paradigmenwechsel und den gleichzeitigen Fortbestand einander widersprechender Ansätze. Der Konsument steht vor Regalen mit der vierzehnten Auflage eines dämpfungsoptimierten Erfolgsmodells mit jeder Menge stützenden und korrigierenden Elementen und einem riesigen Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß und daneben einem fadenscheinigen, materialarmen Schuhchen mit einer vollends flachen Sohle zum Wiedereinstieg ins Paradies naturgegebenen Laufens.

Wer nun denkt, der vernünftige Schritt zurück zur Natur sei das Ende der etablierten Laufschuhe, hat seine Rechnung ohne die Industrie gemacht. Sie will, dass der Läufer beides kauft. Die Botschaft lautet in Kurzfassung: Ja liebe Läufer, barfuß ist eigentlich besser, aber uneigentlich so etwas wie eine Krankheit. Sobald ihr länger lauft, wie es die Natur vorgesehen hat, reißt Eure Achillessehne ab oder ihr ruiniert Eure Knöchel und Sehnen. Ein Horrorszenario. Die wirtschaftliche Lösung: Wir verkaufen Euch den naturnahen Laufschuh als trendige Ergänzung und als Bewegungs-Lernschuh. Wir legen Euch nahe, ihn zu kaufen und machen gleichzeitig Angst davor, ihn als alleinigen Laufschuh zu verwenden. Bloß nicht nur und nur nicht zu lange: so unken Experten und machen uns bange.

Und hier ist die Cleverness der Industrie noch nicht am Ende, denn neben den Beschwörungen verschiedener Verletzungen beim Natural Running erinnern die meisten hierfür geschaffenen Schuhe ungeachtet des hohen Preises an bessere Socken. Dünnes Textil für den vorsichtigen Fünfer bei Sonnenschein.

Mir reicht es jetzt. Ich laufe seit Jahren in der Freizeit auf Schuhen ohne Sprengung, bin barfuß bereits längere Strecken gerannt, laufe seit ich denken kann primär auf dem vorderen Fuß und sehne mich nach einem weniger klobigen Treter. Also mache ich ein Experiment – und teste den derzeit günstigsten Natural Running Schuh am Markt.

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Der Kranich von Aldi Süd lässt grüßen. Seit heute Mittag bin ich im Besitz eines Paares Natural Running Laufschuhe für Herren von Crane, Größe 45 zum Preis von gerade einmal 15,99€!

Testbericht und klinisches Bildmaterial von Sehnenabriss und Ermüdungsbrüchen folgen in Bälde.