Mühlheim 2016: Und ewig summen die Wälder…

Der Internationale Volkslauf in Mühlheim, integraler Bestandteil des Main Lauf Cup und in diesem Jahr zum 43. Mal ausgetragen, ist (wie nahezu alle Läufe dieser Serie) wert, gelaufen zu werden. Bis auf einen Streckenabschnitt von ca. 1,5 Kilometer entlang der Schnellstraße geht es ausschließlich durch Wälder um Mühlheim, Hanau und Obertshausen.  Am Ende der Halbmarathon-Strecke warten auf die Teilnehmer sogar richtige Trail-Passagen mit Stufen, Steinen, Brücken über kleine Gewässer und Pfade, die beinahe schon die Bezeichnung Singletrail verdienen. Oft geht es zudem bergab, was die Strecke grundsätzlich für neue persönliche Bestzeiten prädestiniert.

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Sub two – erstmals seit 2013

An diesem Sonntag macht der Sommer auf Herbst und bietet mit angenehmen Temperaturen unter 20 Grad Celsius und leichtem Nieseln auch witterungstechnisch Idealbedingungen für einen zügigen Halben. Entsprechend motiviert setzte sich das Feld in Bewegung und auch ich war – trotz der Tatsache, dass ich mich erst um Mitternacht und in zugegebenermaßen leicht weinseliger Stimmung spontan zur Teilnahme entschlossen hatte – guter Dinge und trabte zügig los. Adrenalin hatte ich auch genug in der Blutbahn, denn erneut hatte mich mein Sch… Navi an einem Sonntag zur Mainfähre in Rumpenheim gelotst, die ja bekanntlich an einem Sonntag wie diesem niemals fährt. Lautes „Fährmann hol über“ Geschrei brachte nur Anreiner mit Hunden auf den Plan, die mich auf die Sinnlosigkeit meines Ansinnens hinwiesen. Daraufhin raste ich los, um die Nachmeldefrist nicht zu überschreiten und den Heimweg unverrichteter Dinge antreten zu müssen und wurde (wie beinahe immer vor Lauf-Events am frühen Morgen im Kreis Offenbach) geblitzt. Fieses rotes Leuchten, Herzfrequenz wie beim Sprint und der tiefempfundene Abscheu und Selbsthass des Frankfurters, der selbstverschuldet ins Offebächer Gemeindesäckel einzahlt. Sei’s drum… Sorgte wie gesagt für Adrenalin und dieses Stresshormon, das manche mögen, hilft gegen etwaigen Restalkohol in der Blutbahn und macht wach. Die kostenintensive Hetze hätte ich mir sparen können, denn bis kurz vor dem Start wurden die verspäteten Nachmelderinnen und -melder von der freundlichen Orga bearbeitet. Statt laut „Stopp – in der Ausschreibung stand Nachmelden nur bis eine halbe Stunde vor dem Start!“ zu rufen, stellte ich mich lieber in die übliche Schlange vor dem WC.

Das Feld war also Schlag neun Uhr auf der Strecke, nach zunächst einmal 700 Metern im Stadion, was ebenfalls zu einer zügigen Pace auf den ersten Kilometern beiträgt. Was danach zur Beschleunigung des hinteren Feldes (in dem ich ja, seit ich laufe, bekanntlich verortet bin und wohl bleiben werde) beitrug, war allerdings wenig wünschenswert und bedeutete für eine Teilnehmerin das sofortige Ausscheiden. Zwischen Kilometer vier und fünf geschah es. Ich merkte plötzliche Unruhe bei den Läuferinnen und Läufern vor mir und mit einem mal brummte es laut und große schwarze Schatten flogen durch das Gesichtsfeld. Ich dachte erst an Maikäfer, die zu spät kamen und es daher eilig hatten, wurde aber sogleich eines Besseren oder besser: eines Schlechteren belehrt. Neben mir schrie eine Läuferin auf. Vorne fluchte ein Sportskollege und mit einem Mal hatte ich das Gefühl, als würde eine Zigarette auf meiner rechten Wade ausgedrückt. Ich sah etwas schwarzes auf dem grellorangenen Kompressionsstrumpf zucken und schlug es weg. Brennender Schmerz und ein erneuter Adrenalinschub sorgten für eine Steigerung der Pace von vorher 5.43 min/km auf 5.28 min/km und dabei blieb es längere Zeit. Unmittelbar nach der Attacke zählte die kleine Gruppe, in der ich zu diesem Zeitpunkt des Rennens lief, gemeinsam laut bis zwanzig. Etwaige Allergiker sollten nach dieser Frist zurückfallen, was glücklicherweise nicht geschah. Die Tempoverschärfung und ein nach einem Drittel des Laufs einsetzender Starkregen, der zwar für Matschpfützen sorgte, aber zugleich herrlich kühlte, sorgte in meinem Fall und sicher bei vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern für eine neue PB. Ich kam zum zweiten Mal überhaupt unter zwei Stunden und diesmal mit 01:58:11 Netto ins Ziel!

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es (wie unterwegs bereits vermutet) tatsächlich ein Hornissenschwarm war, der, aufgeschreckt von den schnelleren Halbmarathonis, das langsamere letzte Drittel des Feldes attackiert hatte. Die Sanis hatten zu tun und eine Läuferin musste sogar mit dem Auto aus dem Wald geholt werden. An dieser Stelle: Gute Besserung!

Ich hege keinen Groll gegen die schwarzgelben Riesen. Ich freue mich vielmehr über meine Zielzeit, die mich seit fast einem Jahr dazu bewegt, einmal wieder etwas in diesem Blog zu schreiben, und schmiere fleißig Cortison-Salbe auf meinen rechten Unterschenkel, der immer noch aussieht, wie eine startbereite Montgolfiere in leuchtendem Rot.

Bienen kann man zwecks Bestäubung von Obstbaum-Plantagen im Internet ordern. Gedanken an eine neue Form des biologisch-dynamischen Dopings beim bevorstehenden Frankfurt Marathon kreisen in meinem stichverseuchten Hirn…