Im Schatten der Zahl oder Bong, Bong Luftballon

Läuferregeln wie diese drücken es klar und deutlich und zudem in Reimform aus: „Sparst Du im Vorfeld die langen Läufe, kommst Du vom Regen in die Träufe“ oder „Viermal über dreißig muss sein, sonst martert Dich der Schmerz im Bein“ oder auch „Zuwenig Strecke in den letzten Wochen und Du kommst zur Ziellinie gekrochen“ – dies ließe sich geradezu endlos fortführen. Die Vermehrung der Worte vermehrt dabei aber nicht den Sinn. Was alle diese Regeln, die schon vom Versmaß her einem Krampf gleichkommen, besagen, ist stets ein und dasselbe: Wer in der Marathonvorbereitung zu wenig Kilometer abspult wird nicht nur leiden, sondern auch spätestens bei Erreichen der Halbdistanz jede Bestzeithoffnung in die sprichwörtliche Tonne klopfen.

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Ich kann nur sagen: stimmt. Und zudem ist bei einem Marathon auch im hinteren Teil des Feldes nichts planbar.

Der Plan war, vor dem 04:59 Ballon zu bleiben (dem Ballon, der mich bereits vor zwei Jahren geärgert hatte). Entsprechend hatte ich mich vor der hässlichen Plastikblase und ihrem Träger im Läuferfeld einsortiert. Als bei geradezu unverschämt herrlichem Herbstwetter der Startschuss fiel und ich ungeachtet des defizitären Trainings im Vorfeld hochmotiviert auf die Strecke ging, war noch alles in Ordnung. Blöd nur, wenn man nach gerade einmal einem Kilometer plötzlich dringend pinkeln muss und sich in die Büsche schlägt. Noch blöder, wenn die paar nervösen Tropfen mit der Geschwindigkeit von erkaltendem Bitumen aus dem Leib rinnen… Laaaangsam…. Eeeendloos… und im Hintergrund der monotone Klang trabender Läufer, die nicht pinkeln sondern weiterziehen. Als der Fluss endlich versiegte befand ich mich nicht einmal mehr in Sichtweite des Ballons. Ich war ganz hinten. Bei den Leuten mit Kostüm und Hund und richtig Bauch und Babyjogger und scheißegal. Die fixe Idee, den dämlichen Ballon neuerlich zu fangen, setzte mich unter massiven Stress und zu allem Überfluss war da noch Kumpel Klaus, der diesmal nicht lief und nur supportete und mit guter Laune und einem Schild versehen seiner Verwunderung über meine Platzierung Ausdruck verlieh.

Nach 7 Kilometern war der Ballon wieder hinter mir. Die Stimmung und das Gefühl war gut bis über den Main und nach Sachsenhausen hinein. Dann kam die Kennedyallee und bei KM 16 ein weiteres Ausscheren und Entleeren. Da war er wieder. Der Feind. Umgeben von labernden Menschen, die sich in Sicherheit ihrer Zielzeit sonnten. Nun begann das böse Spiel. In den Hauptrollen: Der Ballon und die Sonne, die ihm dabei half, einen Schatten zu werfen. Bis nach Schwanheim hinein brauchte es einen richtigen Schulterblick, um den Feind und seine schattige Verdopplung auf dem Teer der Straße zu gewärtigen. Dann kam er immer und immer näher. Irgendwann war der Schatten sichtbar, ohne dass ich mich umdrehen oder auch nur den Kopf bewegen musste. Dann schluckte mich der Pulk der 4:59er und ich merkte, dass alle wussten, dass ich gekämpft und verloren hatte. Während des für mich endlosen Weges auf und über die Schwanheimer Brücke lief ich im Feld der Läufer, deren Zeit ich unterschätzte, weil ich mich überschätzte und da ich nunmehr direkt hinter dem Mann mit dem Ballon lief, wurde ich auf besondere Weise Demut gelehrt. Der fröhlich im Wind am Faden tanzende Luftsack schlug mir in regelmäßigen Abständen auf die verschwitzte Birne. Bong…Bong…Bongbong…

Kurz vor Höchst merkte ich, dass man selbst diesen Zustand vermissen kann. Ich hielt am Verpflegungspunkt, nahm ein Gel zu mir und hatte es (welch Wunder) mit dem Weiterlaufen nicht sonderlich eilig. Die Miniatur-Montgolfiere schwand aus meinem Blick und der Rest ist Schmerz und Scham. Doch was soll’s.

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Finish. Nach 5:10:43 mit meiner Tochter in die Festhalle gelaufen, was einfach ein tolles Gefühl war und noch am gleichen Abend für 2017 angemeldet. Weiter geht’s. Ob schneller, wird sich zeigen…

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