100 Kilometer in 24 Stunden: Mega(i)marsch

Der Gedanke, als Läufer die Wanderschuhe zu schnüren und die Ehrfurcht, wenn nicht gar Furcht einflößende Distanz von 100 Kilometern in Tagesfrist zu absolvieren, kam mir nicht erst im Laufe dieses Jahres. Schon 2012 hatte ich begonnen, mich mit dem Thema zu befassen, mich an die Distanz heranzutasten und entsprechendes Equipment zusammenzustellen. Die Horizontale – rund um Jena, die ich damals mit Freunden angehen wollte, wurde am Veranstaltungstag abgesagt und so blieb nur ein Trost-Halbmarathon auf einem Teil der Strecke.

Der Trend zu immer neuen Challenges hat inzwischen mehrere neue Märsche über diese Distanz entstehen lassen und einer davon – der Megamarsch, der erstmals in diesem Jahr in Frankfurt ausgetragen werden sollte – hatte mein Interesse neu geweckt. Als dann auch noch ein günstiges Early-Bird-Ticket angeboten wurde, hing ich als notorisches Sparbrötchen an der Leimrute und meldete mich an.

Aufgrund der Marathon-Vorbereitung hatte ich eine gute Grundlagen-Ausdauer und da zu weiten Wanderungen zwecks Ausrüstungs- und Belastungstests schlicht keine Zeit blieb, beschloss ich, es dabei zu belassen. Rund 12.000 Schritte gehe ich ohnehin jeden Tag. Hinzu kommt die mentale Härte und Leidensfähigkeit, die man zwangsläufig mitbringt, wenn man den Marathon in der Regel nicht in dreieinhalb, sondern in knapp bis rund fünf Stunden beendet. Ob diese Entscheidung töricht war, oder nicht, sollte sich am 14. und 15. Oktober 2017 zeigen.

Das Wetter hätte es am Megamarsch-Samstag kaum besser mit Veranstalter und Wanderern meinen können (die durchgehend männliche Schreibung ist einzig der besseren Lesbarkeit geschuldet, denn es waren jede Menge beinharter Mädels am Start). Mein Wander-Kumpan Thomas – seines Zeichens Pfadfinder und mit Distanzen bis etwa 75 Kilometer vertraut – und ich hatten als favorisierte Startzeit 16:00 Uhr und mithin das früheste „Go“ gewählt. Beinahe wäre unser Block jedoch ohne uns gestartet, denn es erwies sich trotz zweier Autos mit vier Navigationsgeräten als schwierig, den Tennisverein im Stadtwald bzw. die richtige Ausfahrt zu selbigem Platz auszumachen. Eine unerwartete Sperrung am Museumsufer machte uns endgültig nervös, aber um 10 Minuten vor Vier waren wir vor Ort und kosteten das dämliche Gefühl aus, von der falschen Seite auf das Starttor und die dahinter versammelten Wandervögel zu zu marschieren.

Wir reihten uns ein, nahmen die letzten ermahnenden Worte aus dem Megaphon des Veranstalters wahr („kein Müll und kein Mensch wird im Wald zurückgelassen“ – beides durchaus löblich), zählten von 10 bis zu besagtem „Go“ und setzten uns in Bewegung. Fotografiert und motiviert von unsern Supportern aus Frankfurt und hessisch Sibirien. Ein Vorteil der Verspätung: kein langes auf und ab Stehen im Bereitschaftsraum; Kommen und Gehen in einem Zug.

Die ersten Zwei Kilometer stockt der Fluss immer wieder. Engpässe und Straßen müssen überwunden werden und erste Zweifel beim Blick auf die zahllosen GPS-Uhren werden laut: „3,2 km/h?!? So kommen wir aber nicht in 24 Stunden nach Weinheim. Apropos Weinheim: Ja, unser Ziel liegt an der Bergstraße in Baden Württemberg, jenseits des Odenwaldes. Ein Blick uff die Stregge, vermaach Schregge zu wegge, wie wir in Frankfurt sagen (offizieller Track bei GPSies).

Nach einer guten Stunde, in der wir beginnen, uns an der äußersten Peripherie von Neu Isenburg entlang zu bewegen, hat sich das Feld gestreckt und die Durchschnittsgeschwindigkeit ist bei 5, 4 km/h angekommen – Tendenz steigend.

Orientierung in Sachen Speed und Zeiteinteilung gibt die geniale Split-Zeiten Tabelle eines Mitläufers, die in der Facebook-Gruppe des Megamarschs Frankfurt geteilt wurde. Langsam senkt sich die Dunkelheit übers Land und nichts stört, außer einer ersten Reibung im Bereich der Oberschenkel. Ich beschließe trotz warmer Temperaturen beim ersten Verpflegungspunkt die Longtight anzuziehen und die Trecking Stöcke zu aktivieren. Bislang baumeln die Leki Makalu Classic ungenutzt in zwei der vielen praktischen Schlaufen meines deuter Speedlight 20 Daypacks (einer der durchdachtesten Gegenstände, die ich zeitlebens mit mir führen durfte). Zum Equipment und der Frage: was wird gebraucht und wie viel ist zuviel, komme ich später an anderer Stelle.

VPS1: Bestens auf den Hund gekommen

Um 19:48 Uhr ist es dunkel und Thomas und ich erreichen nach einem zuletzt überaus abwechslungsreichen und schönen Streckenabschnitt den ersten Verpflegungspunkt. Der Aufwand, der vonseiten des Veranstalters auf dem Gelände des Schutzhundevereins Langen betrieben wird, ist beachtlich. Es gibt, neben Wasser und Obst, Salzgebäck, Hipster-Fruchtschnitten-Protein-Superfood-Quader mit abstrusen Geschmäckern, Schokobrötchen und Müsliriegel. Thomas und ich futtern Würstchen mit Bauernbrot und dies ist einzig deswegen erwähnenswert, weil es die restlichen herzhaften und schweren Nahrungsmittel, die wir mitführen, unversehrt über die Ziellinie schaffen. Weniger ist mehr, aber davon (wie schon gesagt) später mehr. Neben der Stärkung und einer ersten Statusmeldung an die sicher noch wachen Unterstützer zuhause, wurde die Kleidung untenherum von kurz auf lang gewechselt, die Stöcke auf Länge gebracht, erste Druckstellen am Fuß vorsorglich mit Pflastern versehen und die Flaschen gefüllt. Das Ganze zum letzten Mal unter Dach und im Warmen… Nach nicht ganz zwanzig Minuten sind wir on the road again.

Die nächsten zehn Kilometer mühe ich mich mit den Stöcken ab. Ich merke den besseren Vortrieb und die Spannung in Armen und Schultergürtel sofort, aber zu Beginn stolpere ich immer mal wieder über die Lekis, was Anlass zu Gesprächen und Theorien liefert. „Was bringen so Stöcke eigentlich?“, fragt ein Mitläufer in neongelber Jacke. Ich überlege kurz. „Ich achte sehr darauf, nicht noch peinlicher zu wirken, als ich mich fühle, und das hilft, die Schmerzen zu vergessen“. Man schmunzelt, man redet. Er läuft auch den Frankfurt Marathon – allerdings in unter 3:45. Auch in diesem Jahr und noch gehe ich davon aus, ebenfalls dabei zu sein (unchronologische Nebenbemerkung: Inzwischen weiß ich, dass es möglich ist, zwei Wochen nach dem Megamarsch einen Marathon zu finishen, aber auch hiervon später mehr). Als die Mädels, die besagte gelbe Jacke begleiten, „I’m a Barbie Girl“ anstimmen (intonatorisch bemerkenswert korrekt), nehmen Thomas und ich Fahrt auf und gewinnen Abstand. Der zweite Abschnitt mit seinen gut zwanzig Kilometern bietet ansonsten wenig Auffallendes. Wir alle sind damit beschäftigt, nun wirklich im Rennen – pardon: Wandern oder (neudeutsch) Speed-Hiking – anzukommen. Als wir bereits auf Höhe Darmstadt an einem Jagdschloss vorbeimarschieren und uns hernach in die Büsche schlagen, bekommen wir Gesellschaft von einem der Fahrrad-Begleiter des Megamarschs. Die Jungs und Mädels haben Erfahrung als Sanitäter, müssen (ehrenamtlich) motivieren, gegebenenfalls restaurieren und verbohrte Erschöpfte behutsam zur Erkenntnis des Scheiterns führen. Der Biker beschallt uns aus seiner Bluetooth-Box mit Evergreens von 90’s One-Hit-Wondern. Die Wonder wondern, wir Wanderer wandern. Ankommen tun wir gegen 23:00 Uhr.

VPS2: Der Besitzer hat was gegen Sitzer

Die zweite Labestation ist das Hofgut Oberfeld am Rand von Darmstadt. Wer zügig ausgreift und bei Messel in keiner Grube versinkt, erreicht die VP nach rund sieben Stunden. Thomas und ich sind 23:04 Uhr vor Ort und der erste sehnsüchtige Blick geht nicht in Richtung Wasser, Riegel oder Salzgebäck. Wir suchen einen Platz zum Hinsetzen und die sind rar. Die Bierbänke reichen bei weitem nicht für die in Scharen anbrandenden Wandervögel und der Boden ist kalt und feucht. Kein Wunder, dass die Mäuerchen und gestapelten Europaletten, die auf dem Gelände zu finden sind, als Ruheplatz begehrt sind. Doch hier greifen die freundlichen und hilfsbereiten Vertreter der Orga ein und wehren den Anfängen. Der Besitzer des Hofgutes will aus unerfindlichen Gründen nicht, dass zur Einrichtung gehörende Gegenstände als Behelfsbänke gebraucht werden. Es fällt den Helferinnen und Helfern sichtlich schwer, die müden Menschen aufzuscheuchen. Unmut und Unverständnis sind deutlich zu spüren, aber was hilft‘s? Thomas und ich ergattern einen Platz am Rand des Geschehens und merken im Niedersinken, dass es direkt gegenüber an einem der Verpflegungstische Kaffee gibt. Mist! Jetzt wo wir sitzen ist es illusorisch, der heißen Freuden habhaft zu werden, denn um uns herum stehen Menschen, die wie wir knapp vierzig Kilometer in den Beinen haben.

Hier gilt mehr noch als anderswo die alte Regel: Aufgestanden, Platz vergangen. Also spülen wir den Müsliriegel und eine Banane mit Wasser runter und rasten noch ein Viertelstündchen. Länger empfiehlt sich nicht, denn es wird merklich kühler. Ich streife meine Aldi-Süd Laufjacke über (sehr praktisch, weil einerseits leicht wärmend, andererseits so flexibel, dass man bei Bedarf die Ärmel hochkrempeln kann, wo sie auch bleiben) und nähere mich der Schlange am Kaffee-Ausgabetisch. Zu blöd nur, dass der engagierte Helfer so mit dem Ausschenken des heißen Wassers beschäftigt war und darüber das Nachfüllen des Erhitzers versäumt hat. Kurz bevor ich an der Reihe bin, füllt er mit entschuldigenden Blicken zwei 1,5 Liter Flaschen Wasser nach, an deren kühlen Wandungen die Feuchtigkeit entlangperlt. Was in meinem Becher landet, ist weit davon entfernt zu dampfen… Zu allem Überfluss teilt der freundliche Mitläufer neben mir bei dem Instant-Kaffeepulver ordentlich aus. Ergebnis: laue Plörre in der der Löffel stehen bleibt. Egal – runter damit, sonst wird es kein morgen geben. Wider Erwarten ist der Effekt fulminant. Wach bis zum Anschlag geht es weiter in Richtung VP3.

Aufwärts mit Beschwerden: Via dolorosa zur Hochalpe

Der folgende Streckenteil weist wenig Sehenswürdigkeiten auf, was jedoch primär der allgegenwärtigen Finsternis geschuldet ist. Zudem wird – dies wiederum mag der späten Stunde geschuldet sein – das Erleben zunehmend collagenhaft. Die Empfindung des Zeitverlaufs ist nicht mehr linear; vielmehr sind einzelne Abschnitte sehr präsent und überlappen auch in der Erinnerung die übrigen. Ich höre lange zu, wie Thomas von der Arbeit in der Gemeinde erzählt. Dafür gebe ich während mehrerer Kilometer nahezu jedes jemals memorierte Gedicht wieder. Irgendwann nach einem längeren Abstieg über feuchte Wiesen haben wir Gesellschaft von einem Marschierer aus der Pfalz bekommen. Ich habe ein desolates Namensgedächtnis und wenn ich es recht erinnere, wurden auch keine Begrüßungsformeln ausgetauscht. Mit einem Mal war er – der Pälzer aka die Maschine – neben uns und sollte dort für viele Meilen bleiben. Gemeinsam gehen wir den schier endlosen Aufstieg zur Labestation Hochalpe an. Die ca. acht Kilometer auf Teer verlangen den schwerer beschuhten Wanderern alles ab. Ich freue mich über meine Asics Laufschuhe, aber dennoch sind die Folgen der über fünfzig bislang bewältigten Kilometer nicht mehr zu ignorieren. Was mit einem unangenehmen Druck im Großzehen-Ballen (oder wie immer man den Teil des Fußes unterhalb der Zehen anatomisch korrekt nennen mag) begonnen hatte, ist ein elender Schmerz geworden. Jedes Steinchen und jede Vertiefung im Teer ist im ganzen Fuß zu spüren. Zudem ist mit mindestens einer Blase im Fersenbereich zu rechnen. Stundenlang steigen wir unter einem überwältigenden Sternenhimmel dem Zwischenziel entgegen. Von Lichtverschmutzung wie im Rhein-Main Gebiet ist hier nichts zu merken. Ich denke an Kants berühmten Ausspruch am Ende der Kritik der praktischen Vernunft: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“ Ich lasse mich von der Schönheit des nächtlichen Firmaments erfüllen und weiß eines ganz genau: die Moral werde ich brauchen, um nach der dritten VP weiter zu gehen.

VP3: Indoor-Träume und Outdoor Realität

Endlich taucht sie unübersehbar illuminiert vor uns auf: die VP Hochalpe bei Kilometer 58,7. Wir sehen Gebäude und ein Wunsch meldet sich mächtig: Sitzen. Drinnen. Im Warmen. Als wir näherkommen zeigt sich, dass es beim frommen Wunsch bleiben wird. Das Hotel Hochalpe bleibt uns verschlossen. Stattdessen stehen leicht seitlich versetzt die üblichen Bierbänke um eine Hütte mit Getränkeausgabe. Ein paar Pavillons suggerieren Geborgenheit. Es ist 3:53 Uhr. Wir versorgen uns mit (diesmal heißem) Wasser plus löslichem Kaffee und widmen uns der Fleischbeschau. Auch wenn sich hier die Geister scheiden und manche empfehlen, die Schuhe anzulassen, entledigen wir uns der Socken und schauen nach dem Rechten (und auch dem linken Fuß). Ich verbrauche fünf Blasenpflaser in unterschiedlichen Größen und haue eine Handvoll Scholl Hirschtalg-Creme auf die völlig verdreckten Quanten. Socken drüber, Schuhe zu, Erfrischungstuch für die Hände und dann wird gevespert. Mehr als eine halbe Dose Scho-Ka-Kola (auch als Fliegerschokolade bekannt) kriege ich nicht runter. Mehrere Aussteiger gehen mit Urkunden für 60 Kilometer an uns vorbei. Der Gedanke, es ihnen gleich zu tun kommt auf, aber verschwindet ebenso schnell wieder. Wer hier abbricht, wird von den Shuttles zum nächsten Regionalbahnhof gebracht und wann von dort am frühen Sonntag eine Verbindung nach Frankfurt besteht, steht in den Sternen. Statt an einer Bushalte zu frösteln geht es kurz vor halb fünf wieder los.

Felsenmeer, mehr Schmerzen und mehr Gesellschaft

Die ersten Schritte sind ein Vergnügen der anderen Art, zumal es knackig im Wald bergauf geht. Kurz vor dem berühmten Felsenmeer hören wir von hinten eine weibliche Stimme: „Hej Jungs, habt ihr was dagegen, wenn ich mich euch anschließe?“. Unser Neuzugang kommt aus der Nähe von Kassel und ist Studentin. Leider weiß ich auch von der Leidensgenossin keinen Namen. Wir taumeln durch die riesigen verstreuten Findlinge und mit dem Ansteigen der Schwierigkeit des Geläufs werden die Witze flacher: „Jetz krabbelt de Pälzer über die Felser“ – kollektives Wolfgeheul quittiert den Slam-poetischen Einwurf. Heulen könnte ich auch bei den Stufen, die uns wieder vom Berg hinab nach Lautertal führen. Mal sind die Stiegen aus Holz, Erde und Stein nur zehn, mal fast fünfzig Zentimeter tief und bei letzteren scheinen die Knie schier zu platzen. Ich danke dem Herrgott für meine Stöcke, die eine große Hilfe sind. Dennoch habe ich echte Probleme. Koffein-Schokolade, Kaffee und die Anstrengung bescheren mir einen grenzwertigen Schweißausbruch. Die letzten Tempos hängen bald in Fetzen im Gesicht und die Brille ist dauerhaft beschlagen. Ich sehe so gut wie nichts mehr. Schließlich bitte ich den kleinen Trupp um einen Stopp um die Kontaktlinsen einzusetzen. Alles sinkt auf einen Baumstamm und ich fummele mit sauigen Pfoten die Linsen in die Augen, ohne dass sie zu Boden gehen. Die Verbesserung ist großartig und mit neuem Mut geht es weiter… und weiter… und weiter…

Ohne den Leserinnen und Lesern die Lust auf den Megamarsch nehmen zu wollen (ich werde 2018 wieder am Start sein) muss ich mit einer Illusion aufräumen. Immer wieder las man im Vorfeld, bei VP3 sei der höchste Punkt erreicht und auch in unserer kleinen Zweckgemeinschaft war man der Auffassung, die meisten Höhenmeter seien mit Erreichen der Hochalpe bewältigt, doch weit gefehlt. Das meiste in Sachen Steigung kommt erst noch. Für uns geht es auf und ab und kurz vor dem Morgengrauen verlieren wir erstmals die Orientierung und stolpern dabei durch einen Friedwald. Auch hier sind viele der Bäume, die den schmalen Trail säumen, mit Schildern markiert, die aber keine Wanderzeichen, sondern die Namen hier verstreuter Verschiedener tragen. Wir sind bei unserer unbeabsichtigten Störung der Totenruhe jedoch keineswegs allein. Von allen Seite kommen Verwirrte, aber noch nicht gänzlich Verirrte auf uns zu und dank einiger echter GPS-Geräte im Feld finden wir den Weg mit den vertrauten X Markierungen wieder. Ohne den Ausführungen zum Equipment alio loco vorgreifen zu wollen, sei eines gesagt: die App auf dem Handy (in meinem Fall der GPX-Viewer) taugt, um sich zu vergewissern, ob man noch on track ist; zum Suchen des richtigen Weges im nächtlichen Wald sind die Handyversionen insuffizient.

Wieder auf der Route geht allmählich die Nacht in den Tag über. Zunächst sorgt dies in meinem Fall aber nicht für euphorische Hochstimmung. Ich schwitze noch immer stark und eine kleine Weile geht es mir beschissen. Die Atemfrequenz ist höher und ich merke meinen Verdauungstrakt. Der Moment währt zum Glück nicht lange und macht der Freude über den Sonnenaufgang und die romantischen Bilder mit Nebelmatten im Tal lassen die Leiden der Nacht zwar nicht verschwinden, tragen aber einiges dazu bei, sie zu verklären und in den Hintergrund zu drängen. Auf banges Nachfragen aus der fernen Heimat schreibe ich bei WhatsApp „Ich bin nur Schmerz, aber froh ist das Herz“ und das entspricht der Wahrheit.

Jenseits von Zeit und Raum durch den Vormittag

Was dem Marschierer, der es ehrlich wissen will, verboten ist, sei dem schreibenden Chronisten erlaubt: abzukürzen. Der Sonntagmorgen und -vormittag ist dadurch gekennzeichnet, dass die Gespräche rapide abnehmen. Jeder ist mit sich beschäftigt und ich bemerke bei mir, dass der Körper, der die ganze Nacht immer wieder ungläubig zu fragen schien, was zur Hölle ich da gerade mit ihm anstelle, ebenso die Klappe hält. Der Schmerz – fast nur in den Füßen, aber dort sehr stark – wühlt weiter, aber der Kopf, der Geist haben übernommen. Der Wille ist da, weiter zu gehen und der Leib leistet dem entschiedenen Wollen keinen Widerstand mehr. Die spirituelle Leere, die sich breit macht, führt auch dazu, dass Uhrzeit und Ort nicht mehr klar erfasst werden. Die Gruppe hat sich auseinander gezogen und auch Thomas ist in Sichtweite, aber nicht neben mir. Egal. Um uns taumeln und traben weitere Wanderer mit Megamarsch-Bändchen am verschwitzten Unterarm und mithin werden wir schon auf dem rechten Weg sein. Markierungen wie gesprühte Pfeile sind auf dem zweiten Teil der Strecke Mangelware, aber möglicherweise denkt der Veranstalter, dass alle, die über siebzig KM hinausgelangen, ein Mindestmaß an Orientierungssinn besitzen. Bei Kilometer vierundachtzig – bereits hinter der Extra-VP5, die wir aber nicht gefunden haben (angeblich ein PKW mit Wasser im Kofferraum), lassen wir die Kasseler Studentin auf einer Bank zurück. Erst im Ziel sehen wir uns wieder. Thomas steigt bei Kilometer 85 und in Sichtweite des Weilers Birkenau wegen zunehmender Kreislaufbeschwerden aus. Er ermahnt mich, auf meinen Körper zu hören, wünscht mir Glück und beschließt, mit dem stündlich gehenden Bus nach Weinheim zu fahren. Ich möchte zu diesem Zeitpunkt nicht daran denken, dass mir noch rund vier Stunden Gehen bevorstehen.

Um die 100 voll zu machen, folgt die Strecke des MM nicht dem Fernwanderweg E1, sondern über einen der Weinheimer Hausberge zum Birkenauer Ortsteil Buchklingen. Viele Höhenmeter hinauf und hinab machen den fragwürdigen Reiz der letzten ca. 12 Kilometer aus. Zum Glück treffe ich neue Gefährten, ohne die ich es wohl nicht auf der offiziellen Route ins Ziel geschafft hätte – hauptsächlich der inzwischen völligen Orientierungslosigkeit geschuldet.

Power-Doping: Cola-Kracher

Ich treffe Daniela und Tobias kurz vor dem Aufstieg. Wir sind in einer kleinen Gruppe unterwegs, zu der auch der ältere Wanderer zählt, der nur wenig Gepäck, dafür aber einen überdimensionierten weißen Plüschbären mit sich schleppt. Ich bin sicher nicht der einzige, dem dieser Typ aufgefallen ist. Gerüchten zufolge hatte er Wettschulden einzulösen. Leicht schräg, aber knallhart. Wir plaudern über dies und das und Tobias, der ein Garmin Oregon der neuesten Generation sein eigen nennt (und auch bedienen kann) macht uns den Guide. Es geht bei herbstlichem Traumwetter stetig bergauf. Bei mir sind irgendwann alle Batterien leer. Ich schwitze wie ein Schwein und nehme nur noch die eineinhalb Meter unmittelbar vor meinen Füßen wahr. Wie in einen Nebel hinein höre ich Danielas Stimme: „Will irgendwer einen Cola-Kracher?“. Ich sehe die schweinchenrose Tüte und über meine trockene Zunge raschelt ein „Ja, bitte!“. Sekunden später halte ich vier der an kleine bunte Fässer erinnernden Kaubonbons in der verschwitzten Pfote und schiebe sie mir in den Mund. Was dann kommt, gleicht einer Explosion. Künstliche Kirsch, Apfel und Colaaromen beherrschen meine gesamte Wahrnehmung und der Zucker – billige, kurzkettige Schrottkohlenhydrate – schießen durch die Blutbahn und ins Gehirn. Jeder kennt diese Bilder aus Filmen, wenn mit einem energetischen Summen die Zeiger irgendwelcher Anzeigen von Null auf Full gehen und genau das ist es, was ich in diesem Moment empfinde. Schlagartig fallen die Scheuklappen; der Raum um mich weitet sich und mit ihm meine Schritte. Back in Business dank Daniela und Maoam. Der Zuckerimpuls kommt genau richtig, denn vor uns liegt der letzte fiese Anstieg in prallem Mittagsglast. Einige Marschierer vor uns kürzen über einen Wiesenweg ab – aber das muss jede/r für sich entscheiden. Oben auf der Höhe folgt die letzte kleine Rast, bevor wir nach kurzem Irregehen den letzten Streckenabschnitt hinunter nach Weinheim in Angriff nehmen.

Liebe Orga: Was zur Hölle habt ihr Euch dabei gedacht, dehydrierte, müde Wanderer in einem psycho-physischen Grenzzustand eine Serpentinenstraße ohne Seitenstreifen hinunterzuschicken? Bei bestem Motorradwetter am Sonntag? Mehr als sechs Kilometer und das bedeutet mal locker eineinhalb Stunden? Keiner hätte im Fall der Fälle noch den Sprung über die Leitplanke geschafft und selbst wenn, wäre er eine baumbewachsene Böschung hinuntergestürzt. Seid froh, dass hier nichts passiert ist, denn das war grob fahrlässig. Ich sehe noch, wie der junge Typ (mit Triatlethenfigur aber total am Ende) der mit uns zu Tal zieht, sich in einer Kurve auf den Teer hockt, um kurz zu verschnaufen…

Nach einer Ewigkeit in der wir immer wieder das agressive Motorengeheul hören, bevor uns Sekunden später die Biker im Tiefflug um die Ohren sausen, erreichen wir das Tal und sehen in der Ferne ein gelbes Ortsschild. Als wir die Aufschrift lesen, brandet Begeisterung auf. Selfies und Videos werden gemacht. Wir haben es geschafft – Weinheim ist erreicht. Doof nur, dass Weinheim irgendwie noch recht lang ist. Wir torkeln an Sportanlagen und Wohncontainern vorbei. Nirgends ein Hinweis auf den Megamarsch und das Ziel. Egal. Wer bis hier gekommen ist, bleibt nicht mehr stehen. Die Gruppe zerfasert. Jetzt ist jeder mit sich beschäftigt und geht das schnellste Tempo, zu dem er noch fähig ist. Ich schleiche nur noch, denn seit dem Abstieg vom Buchklingen, lässt ein neuer Schmerz die Füße vergessen. Ich habe mir an der denkbar intimsten Stelle einen wahren Werwolf gelaufen. Ich hatte noch nie Rasierklingen im A…., glaube aber eine Ahnung zu haben, wie sich so etwas anfühlt.

Das Finish liegt in einem sonntäglich belebten Park und ich fühle mich wie ein Fremdkörper mit meinen Stöcken und meinem versifften Outfit (von Geruch ganz zu schweigen). Die letzte Kurve, das Aufblastor mit MM Logo und Applaus brandet auf. Geil. Thomas ist auch da und schaut ungläubig auf die Uhr. Es ist 13:55 Uhr als ich durch den Zielbogen gehe und die Stöcke in die Höhe reiße. Ein Urschrei aus tiefster Kehle und noch einmal mit der schwarzen Medaille am Hals fürs Finisher-Foto posen. Ich hole mir die Urkunde und Thomas geleitet mich zum Bierstand. Als ich das kühle Nass in Händen halte sind auch Familie und Freunde eingetroffen. Ich mache den Fehler, mich kurz auf der Wiese hinzulegen. Danach geht nichts mehr. Der ersehnte Klogang mit Linderungsmitteln zum Tupfen und Schmieren (keine IBU, auch jetzt nicht) wird zur Tortur. Danach geht es nach Hause.

Als ich es endlich aus den Klamotten und unter die Dusche geschafft habe, nehme ich mir die Füße vor. Vor allem die Blase an der Ferse ist krass, aber dennoch schnell getrocknet und verbunden. In den Tagen danach macht sich noch ein Zehennagel davon, allerdings gänzlich schmerzfrei. Hab gehört, das ist normal bei derlei Distanzen.

Zum ersten Mal schaffe ich beim meinem Lieblings-Jugoslawen nur die Hälfte des Grilltellers. Der Magen ist noch nicht ganz der alte. Zumindest beim Essen – Bier passt ordentlich hinein.

Fazit: Ich habe in diesen 22 Stunden viel gelernt, über mich und meinen Körper. Ich war selten so wach wie in dieser Nacht und hatte viele tolle Begegnungen mit wunderbaren Menschen, die ich nicht vergessen werde. Auch über die Ausrüstung und was man wirklich braucht, habe ich Erfahrungen gemacht, die ich in einem eigenen Artikel mitteilen werde.

Heute, drei Wochen danach, habe ich mich für den Megamarsch Frankfurt 2018 angemeldet – und ich hab Mega-Bock drauf!