Ja und nicht Ja: Eine Meditation zum Thema Natural Running

Als in grauer Vorzeit die Gattung  Mensch den Plan der Schöpfung betrat, waren die ihr zugehörigen Individuen nackt – von einer dem Grad nach stärkeren Behaarung einmal abgesehen. Diese Nacktheit und damit einhergehend eine gewisse Schutzlosigkeit kompensierte der fälschlicherweise als Mängelwesen bezeichnete homo sapiens durch sein natürliches Potential, sich durch Gebrauch seines Verstandes zu kultivieren und dadurch jedwedem Mangel abzuhelfen. Dank seiner kognitiven Fähigkeiten und eines hochgradig effizienten Bewegungsapparates war der Mensch ein erfolgreicher Jäger und vermochte trotz widriger Bedingungen zu überleben und sich an der Spitze der Nahrungskette zu etablieren. Erwies sich ein Teil seiner naturgegebenen Grundausstattung – etwa die für stundenlanges, zügiges Laufen und Gehen geschaffenen Füße – in gewissen Situationen als verbesserungsbedürftig – etwa bei Eiseskälte und scharfkantigen Untergründen – dachte der homo nach und band sich im Anschluss ein Stück Baumrinde oder dickes Leder mittels Textilstreifen unter die Fußsohlen. Der Schuh war geboren. Eine Schutzschicht für die Füße bei ihrer ganz natürlichen Laufbewegung.

Dummerweise dachte der Mensch immer weiter nach und entfernte sich im Zuge der Kultivierung zusehends von der bloßen Zweckmäßigkeit seiner Erfindungen. Der Grundsatz form follows function galt nicht für die Kleiderungetüme des Rokoko oder für Schuhe, die den Fuß verkrüppeln ließen um dem Schönheitsideal winziger Trippelfüßchen zu entsprechen. Die freie Martktwirtschaft mit ihrem Drang zu exponentiellem Wachstum tat ihr Übriges, um den Gegenstand des Gebrauches und auch den Gebrauch selbst immer wieder neu zu definieren – ob er dadurch wirklich brauchbarer wurde sei dahingestellt.

Auch bei Laufschuhen ist dies zu bemerken. Es gibt Trends und Paradigmenwechsel und den gleichzeitigen Fortbestand einander widersprechender Ansätze. Der Konsument steht vor Regalen mit der vierzehnten Auflage eines dämpfungsoptimierten Erfolgsmodells mit jeder Menge stützenden und korrigierenden Elementen und einem riesigen Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß und daneben einem fadenscheinigen, materialarmen Schuhchen mit einer vollends flachen Sohle zum Wiedereinstieg ins Paradies naturgegebenen Laufens.

Wer nun denkt, der vernünftige Schritt zurück zur Natur sei das Ende der etablierten Laufschuhe, hat seine Rechnung ohne die Industrie gemacht. Sie will, dass der Läufer beides kauft. Die Botschaft lautet in Kurzfassung: Ja liebe Läufer, barfuß ist eigentlich besser, aber uneigentlich so etwas wie eine Krankheit. Sobald ihr länger lauft, wie es die Natur vorgesehen hat, reißt Eure Achillessehne ab oder ihr ruiniert Eure Knöchel und Sehnen. Ein Horrorszenario. Die wirtschaftliche Lösung: Wir verkaufen Euch den naturnahen Laufschuh als trendige Ergänzung und als Bewegungs-Lernschuh. Wir legen Euch nahe, ihn zu kaufen und machen gleichzeitig Angst davor, ihn als alleinigen Laufschuh zu verwenden. Bloß nicht nur und nur nicht zu lange: so unken Experten und machen uns bange.

Und hier ist die Cleverness der Industrie noch nicht am Ende, denn neben den Beschwörungen verschiedener Verletzungen beim Natural Running erinnern die meisten hierfür geschaffenen Schuhe ungeachtet des hohen Preises an bessere Socken. Dünnes Textil für den vorsichtigen Fünfer bei Sonnenschein.

Mir reicht es jetzt. Ich laufe seit Jahren in der Freizeit auf Schuhen ohne Sprengung, bin barfuß bereits längere Strecken gerannt, laufe seit ich denken kann primär auf dem vorderen Fuß und sehne mich nach einem weniger klobigen Treter. Also mache ich ein Experiment – und teste den derzeit günstigsten Natural Running Schuh am Markt.

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Der Kranich von Aldi Süd lässt grüßen. Seit heute Mittag bin ich im Besitz eines Paares Natural Running Laufschuhe für Herren von Crane, Größe 45 zum Preis von gerade einmal 15,99€!

Testbericht und klinisches Bildmaterial von Sehnenabriss und Ermüdungsbrüchen folgen in Bälde.

 

 

 

Lauf für Mehrsprachigkeit Ginnheim: Kind und Kegel mit guter Performance

Das Kind ist meine Tochter, die mir ihren viereinhalb Jahren ihren vierten Bambinilauf und ihre zweite Teilnahme an der Ginnheimer Veranstaltung absolvierte. Wie immer mit jeder Menge Spaß an der Sache und einem sehr schönen Laufstil. Besagter Kegel bin ich. Derlei Gegenstände sind bekanntlich in der Mitte am ausladendsten. Dennoch zeigte sich erste Erfolge der in Angriff genommenen Ernährungsumstellung. Zwar ist das Ergebnis des 10 Km Laufs noch Lichtjahre von meiner PB von 00:48:33 aus 2013 entfernt und derlei Zeiten waren im Training die Regel, aber dies liegt zwei Jahre in der Vergangenheit und in dieser Zeit ist leider Gottes Vieles passiert. Man kann auch sagen: Vieles hat meine Verdauungsorgane passiert und hat sichtbare Spuren hinterlassen.

Ich werte dieses Ergebnis als positiven Anreiz. Immerhin Platz 149 von 226 und somit unteres Mittelfeld. Schau mer ma, wie es in den kommenden Wochen weitergeht

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Infos zum Lauf:

Der Lauf für Mehrsprachigkeit, der erstmals 2013 ausgetragen wurde, wirbt auf sportliche Weise für eine sehr schöne Idee: Wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen und Sprachgrenzen durchlässig werden, wächst durch das bessere Verstehen zugleich ein Verständnis für kulturelle Unterschiede. Sprache ist Kulturträger und somit ebnet Mehrsprachigkeit in einer multikulturellen Gesellschaft den Weg hin zu einer interkulturellen Gemeinschaft.

Der Lauf findet jedes Jahr im April im Niddapark am Ginnheimer Wäldchen in Frankfurt Ginnheim statt. Neben den Hauptläufen über fünf und zehn Kilometer gibt es Schüler und Bambiniläufe für unterschiedliche Altersstufen. Zwar habe ich die letzteren etwas chaotischer als etwa in Hausen oder Rodheim erlebt; die kleinen Mängel hinsichtlich der Orga werden aber durch das liebevolle Drumherum wie etwa die tollen Shirts und Finisher-Beutel für die Kleinsten allemal wettgemacht. Überhaupt gleicht das Rahmenprogramm einem farbenfrohen und abwechslungsreichen Fest mit charmanten Acts wie Volkstanz-Performances.

Die 2-Runden Strecke durch das Ginnheimer Wäldchen ist sehr gut zu laufen und abwechslungsreich. Trotz ein paar Höhenmetern sind hier schnelle Zeiten möglich. Besonders toller Service: Kollektives Dehnen unter professioneller Anleitung nach dem Hauptlauf!

Duschen und Umkleiden sind vorhanden. Die Startnummernausgabe läuft ungeachtet der engen Räumlichkeiten schnell und problemlos.

Nächster Lauf für Mehrsprachigkeit: Sonntag, 24. April 2016

Webseite der Veranstaltung

 

EVO Wasserlauf Seligenstadt: Das Wasser lief aus allen Poren…

Was soll man sagen… Ich habe derzeit mehr als nur mein Schicksal zu tragen. Dementsprechend verlief auch die Leistungskurve bei der schönen Veranstaltung am Main mit dem ersten längeren Wettkampf der Saison.

Nach genau 15 Km erfolgte der Einbruch und der Rest der Strecke war von nichts weiter entfernt, als von elegantem, leichtfüßigen und Freude bringendem Laufsport.

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Fazit: Es muss nun definitiv etwas geschehen, denn obendrein gab es Bilder zu sehen… Ich werde den Teufel tun, und etwas davon an dieser Stelle posten. Wer begierig ist, einen Speck… pardon… Schreck zu bekommen, möge in jenem Medium Nachsuche halten, das bekanntlich und bedauerlicherweise nichts vergisst.

Ferropolis 2015: Wici und die starken Renner

Die Schwüle einer Sommernacht, wummernde Beats in der nur wenig abgekühlten Luft und vereinzelte Laser-Lichtfinger, die das Dunkel hier und da zerreißend in den Nachthimmel weisen. Rings umher das Keuchen tausender schweißüberströmter Leiber in Bewegung und im Zwielicht die stählernen Skelette riesiger Industrieanlagen: Was nach dem Setting eines Rave-Events der Oberklasse klingt ist tatsächlich eines der abgefahrensten Laufspektakel der kommenden Saison:Der Fisherman‘s Friend Strongman Run am Samstag den 15. August 2015 in der Ferropolis.

Die „Stadt aus Eisen“ befindet sich auf einer Halbinsel inmitten eines gefluteten Braunkohletagebaugeländes in der Nähe der Bauhaus-Stadt Dessau und beherbergt rund 7000 Tonnen stählerne Industriehistorie. Der Run in der Eisenstadt bringt neben den üblichen Kraft, Mut und Geschicklichkeit fordernden 15 Hindernissen auf einer 24 Kilometer langen Strecke eine einmalige Besonderheit mit sich: Er ist europaweit der erste Hindernislauf, der in völliger Dunkelheit stattfindet.

Hier werden sich in das schwere Atmen der Sportler die Seufzer der Angst und des völligen mentalen und physischen Burnouts mengen. Hier werden die mehr oder minder sportlichen Leiber mit vielen Schichten Schaum und Schlamm bedeckt werden, durch die man die Extase, aber auch die Verzweiflung auf den Gesichtern der TeilnehmerInnen nur mehr Erahnen kann. Ob es nun Tränen oder Schweißströme sind, die kleine Canyons in den Dreck zeichnen, ist eigentlich egal, denn das Motto der Veranstaltung lautet: „Nachts sieht Dich keiner Heulen!“

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Freut mich, dass auch mich keiner heulen sehen wird, denn ich bin wider Erwarten mit am Start. Wici im Titel dieses Beitrags steht für Wildcard-Inhaber! Zwar bin ich noch nicht Inhaber im Vollsinne, also im physischen Besitz eines Freistart-Codes, doch ein solcher wurde mir glaubwürdig zugesichert, sofern ich bereit sein sollte, mich nächtens aus schauriger Höhe in kalten Schlamm zu stürzen und meine Vorbereitung auf die Nacht der Helden und Heuler in meinem Blog zu protokollieren.

Nun ist mit diesen Zeilen der Anfang gemacht und die Regengüsse des frühen Frühjahrs werden für die eine oder andere Modderpfütze auf meinen ausgetretenen Trainingspfaden sorgen, in die ich zwecks Präparation hinabtauchen kann.

Mehr dazu in Bälde an dieser Stelle.

Per aspera ad astra: Vom Krampf zum Siech

Laufberichte schreiben sich leichter, wenn man das, worüber man berichtet unter der Rubrik Erfolge abheften kann. Im Fall des Frankfurt Marathon 2014 bin ich mir bezüglich dieser Frage nicht wirklich sicher.

Die gewisse Ambivalenz zieht sich regelrecht durch: Bedingungen vor dem Start einerseits besch…en im wahrsten Sinne, denn ein seit gerademal gut drei Tagen ausgestandener Magen-Darm Infekt (glücklicherweise ohne Fieber) hat mir genug Salze entzogen, um damit zwei Mastschweine einzupökeln. Hier helfen auch diverse Brausepillen mit Elektrolyten nicht wirklich weiter. Andererseits geradezu ideal, denn neben Salzen und Kräften hat die diarrhoetische Verödung meines Organismus auch den Gewichtsverlust beschleunigt. Verzicht auf vergorene Getränke und Virus bringen ein Minus von knapp vier Kilogramm beim Startgewicht. Auch die Witterung passt zu einem erfolgreichen Marathon: Nicht zu warm, nicht zu kalt und im Vergleich zum Vorjahr nahezu windstill.

Vorher2014

Meine hochgeschätzten Mitläufer des Rodheim-Trios, Frauke und Klaus, haben hohe Ziele gesteckt. Die 04:30er Marke soll gerissen werden. Ich bin schon im Voraus mit Blick auf meinen Trainingszustand realistisch genug, mich im Startblock weit hinter dem 04:29 Ballon, aber noch weit genug vor dem 04:59 Ballon einzuordnen. Die Stimmung am Start ist gut, was ich auch dem tollen Service meines Vereins Spiridon Frankfurt verdanke, die für die Starter aus den Reihen der Mitglieder auch 2014 wieder eine Lounge im Maritim Hotel direkt an der Messehalle angemietet haben. Kein Schlangestehen vor den Dixi-Häuschen. Stattdessen Getränke frei, beheizte, duftende WCs für die notorischen Stresspinkler, Blick durch die Panorama-Glasfront auf das Getümmel draußen und motivierende Ansprachen von erfahrenen Sportskollegen.

Nach dem Startschuss für die langsameren Blocks und dem Überschreiten der Linie nach einer gefühlten Ewigkeit konzentriere ich mich auf meine Pace und die Zwischenzeiten. Ziel ist neue Bestzeit unter 04:45:09 und ich laufe konstant und mit einem guten Gefühl. Die ersten 13 Kilometer durch die Bankenmetropole machen Spaß und ich bin guter Dinge. Nervig ist nur der Trinkgürtel, den ich erst ganz kurz vor dem Lauf erstanden habe. Durch das Gewicht der hopsenden Flaschen habe ich Schmerzen am Ischias wie eine Hochschwangere. Na bravo! Ich ignoriere die ersten Wasserstellen und sehe zu, dass ich die Dinger leergesüppelt bekomme. Verglichen mit dem, was später kommt, ist dieses Zwicken am Hintern ein Luxusproblem erster Güte. Auf mich wartet ein Hammermann der besonderen Art. Wir treffen uns etwa bei der Halbdistanz. Sein Name: Muskelkrampf und zwar in beiden Oberschenkeln – am heftigsten auf der Innenseite Richtung Knie. Der Salzverlust fordert seinen Tribut.

Ich habe seit ich laufe noch keinen solchen Mist erlebt. Der Gedanke an den Ausstieg war noch nie so nahe. Zum ersten Mal nehme ich die grünen Busse an der Strecke bewusst wahr. Ich schleppe mich vorwärts und muss immer wieder marschieren. Schon lange vor der Schwanheimer Brücke reiße ich mir frustriert das Zwischenzeiten-Bändchen vom Arm und dieser Akt der Resignation bewahrt mich vermutlich vor Schlimmerem, denn ab jetzt bin ich trotz des permanenten Ziehens in den Beinen ruhiger. Gehen beim Marathonlauf ist elend, aber das Ziel ist die Festhalle, Bestzeit hin oder her, also nichts riskieren und weiter voran. Voller Angst, meiner Nemesis zu begegnen (wer hier gemeint ist, kann sich der geneigte Leser aus früheren Beiträgen unschwer erschließen) trabe ich verbissen über die Brücke und durch die Altstadt von Höchst – eigentlich ein Teil des Laufs, der mir sehr gut gefällt, doch die Fähigkeit, das Rennen zu genießen, ist mir vollends abhanden gekommen. Bei Kilometer 29 warten Familie und Freunde (THX an Annika, Frida, Gustaf, Isabel, Charlotte, Verena, Ronald und seine Freundin). Ich quäle mir ein Lächeln ab und Verena läuft ein Stück neben mir her. Kaum außer Sicht der frohen Truppe ist wieder Gehpause angesagt. Wie hohnlachende gelbe Gespenster ziehen kurz darauf die 04:59 Ballons und die zugehörige Läufertruppe an mir vorbei. Dennoch geht es irgendwie voran und die langweilige Mainzer Landstraße ist nicht einmal der schlimmste Teil der Strecke. Ich glotze wie im Delirium auf die Hagebutten am Wegesrand (ein Anblick, der mich aus gänzlich unerfindlichen Gründen beruhigt, was im Nachhinein eher beunruhigend ist…) und trabe mit schmerzenden Oberschenkeln schicksalsergeben weiter. Böse wird es erst bei Kilometer 36. Aufgrund einer Änderung im Streckenverlauf kommen die Läufer schon hier das erste Mal direkt an der Messehalle vorbei. Minutenlang beobachte ich Teilnehmer, die in Richtung roter Teppich abbiegen. Alle mit einer durchaus passablen Zeit unter 04:30. Ich hingegen habe noch grässliche sechs Kilometer vor mir. Zumindest denke ich das in diesem Moment.

Schlussendlich sind die letzten zwei davon allem Übel zum Trotz ein Genuss. Mit dem Schmerz habe ich abgeschlossen. Er hat mich nicht besiegt – soll er weiterwühlen, das Finish wird mir niemand mehr nehmen. Zwei nette Mädels mittleren Alters beenden durch eine einladende Geste meine letzte Gehpause vor dem Ziel: Komm mit, wer bis hierher gekommen ist, geht nicht in die Halle!

NACHHER-2014

Auf den 200 Metern vor dem Abbiegen in Richtung Halleneingang komme ich noch einmal an unseren Supportern vorbei und jetzt kann ich mich endlich richtig mit ihnen freuen. Im bunten Licht geht es auf dem roten Teppich und an den Cheerleadern vorbei über die Ziellinie. Die Uhr steht bei 05:18:20. Indiskutabel, aber das vierte Finish auf dem Weg zur Mitgliedschaft im Frankfurt Marathon Club ist geschafft.

Nachbetrachtungen folgen in Kürze…

Waterloo – couldn’t escape…

Bei dem Begriff Waterloo denken Touristen an eine historisch relevante Gemarkung in Brabant, Alt-Popper an den Evergreen eines inzwischen Fischpaste produzierenden Pop-Quartetts aus Skandinavien, des Englischen mäßig mächtige Menschen an ein Slangwort für ein Klo mit Wasserspülung und irgendwie Alle an ein Synonym für eine Niederlage vernichtenden Charakters.

Dummerweise ist mein Weg in Richtung viertes Finish beim Frankfurt Marathon von Waterloos im letztgenannten Sinne gepflastert. Ich laufe, aber es läuft nicht – wenn wir vom Schweiß absehen.

Im Waterloo-Szenario mime ich den fetten (wenngleich hochgewachsenen) und mit Frau und Kindern versehenen Korsen Bonaparte, der von einem drahtigen Single-Wellington wiederholt vernichtet wird. Letzterer sitzt zwar gewöhnlich in der Bio-Sauna auf den Bodenplatten nahe der Tür, um nicht von Plümeranz dahin gerafft zu werden; hat aber aufgrund seines mindergebundenen Sozialstatus ausreichend Zeit, seine hagere Physis in der Muckibude und auf dem Rad exzessiv zu stählen. Meine so beschaffene Nemesis  – derzeit noch mein bester Freund – hat es sich zum traurigen Lebenszweck gemacht, mich immer wieder Demut zu lehren, was dem Katholiken, der ich bin, durchaus frommt, aber dennoch Qualen bereitet.

Wie will man als willensschwacher Familienvater mit einem Menschen konkurrieren der den Anstieg zum Marburger Kaiser Wilhelm Turm hinaufrennt, ohne zu schwitzen und dabei noch an sein Aussehen beim Foto-Finish denkt?

KWT-Duo

Juli 2014: Nachdem ich mich dehydriert und entkräftet auf ansteigenden Serpentinen verirrt hatte, traf ich am Gipfel Antonio Banderas Double mit einem Omaschlüpfer auf dem Kopf. Ich dachte, ich halluziniere, aber der Selfie zeigt die objektive Realität.

Die Liste der Niederlagen ist lang. Mehrfache Züchtigung durch den obgenannten Kollegen. Halbmarathonzeiten von 02:11 beim Volkslauf in Rosbach-Rodheim, wo es mir im vergangenen Jahr erstmals vergönnt war, die zwei-Stunden-Grenze zu unterbieten; hierzu gehören ausgedehnte Gehpausen in der zweiten Runde und die Begegnung mit einem drahtigen Opa, der mich beim Erreichen der letzten Trinkstation wie folgt aufmunterte: „Jung du braachst Elektrolüdde. Da rennense los wie die Debbe unn mache alles falsch. Wenn die Bei laafe solle, muss dess Blut fliese. Gebt dem Käll ma Elektrolüdde und dann schöö weider trabe. Is nemmä weit!“. Ich hätte dem Opa gerne gesagt, dass ich den Marathon bislang auch ohne seine Sch…elektrolyte beenden konnte, aber dummerweise war ich so dehydriert, dass mein Mundwerk nur leise raschelte, wie eine alte, vergilbte Zeitung.

In summa: Ich bin zu schwer, um schnell zu sein, aber zugleich zu ehrgeizig, um stehen zu bleiben. Wo Schlankere sich klassifizieren, kann ich einzig durch Härte im Leiden brillieren. Was liegt da näher, als die kleinstmögliche Ultra-Distanz (50 Kilometer) im Wettkampf zu probieren?

Es gibt Jemanden, dem ich liebend gerne eine Teilnahme an den zehnmal fünf Kilometern in Rodgau im kommenden Januar spendieren würde… Ich stehe seit vier Wochen auf der Teilnehmerliste und da ist noch reichlich Platz.

Spezialschuhe für schwere Läufer oder Shopping kann so sch… sein

Es ist schlicht wahr und bedarf keiner breiten Diskurse: die Beitragsdichte dieses Blogs ist geringer geworden. Dies hat weniger mit einer Schreibblockade zu tun, als mit der Geburt des Stammhalters und weiterer zeitintensiver Engagements, die wenn überhaupt, so allenfalls mittelbar mit dem Thema Laufen zu tun haben. Zudem war der Bestzeiten-Hattrick des letzten Jahres Grund einer eher laxen Haltung zum Wintertraining. Wenn sich Umfänge vermehrt haben, dann die der Hüften, nicht jene der Workouts. Viel Läuferisches zu berichten gab es also nicht. So weit die Apologie.

Doch ganz gleich wie träge der Winter und wie faul das Früjahr war: allerspätestens wenn der Sommer sein dauerhaft sonniges Antlitz zeigt, mehren sich die Zeichen, die den Läufer dazu zwingen, sich vom Lotterlager herunter und im Frühtau die Berge hinauf zu wälzen; in der Hoffnung, aus dem Wälzen möge alsbald wieder das gewohnte elastische Hüpfen und Schweben werden. Eines der Zeichen ist der Speckring im Hüftsektor und der Blick auf das Thermometer, bei dem klar wird, dass man diesen Makel nicht mehr lange unter der Übergangszeit-Laufjacke verbergen kann (was in diesem Jahr ohnehin dadurch erschwert wird, dass die Trendfarbe bei leichten Laufjacken nicht schwarz, sondern transparentes Papageiengrün ist…).

Ein prima Motivator ist immer der Ausrüstungs-Neukauf und so entschloss ich mich unlängst zu einem Laufschuh-Shopping. Gleich zwei Paar sollten es werden, da sämtliche Treter schon nach dem Herbstmarathon reif für den Müllsack waren. Wie motivierend der Einkaufsbummel werden würde, hatte ich jedoch nicht erwartet. Die erste Station war die ortsansässige Filiale des Runners Point. Hier war alles bestens. Ich fragte direkt nach einem Auslaufmodell zu einem günstigen Preis und erstand ‚meinen‘ langjährigen Favoriten, den Supernova Glide von Adidas in der fünften Auflage. Zwar ohne den sagenumwobenen ‚Boost‘ in der Sohle, dafür für unter 90 Euro, also sagenhaft wenig Kohle und in coolem grün-grauen Look. Top Kauf, und beim Rausgehen fragte der sympathische Verkäufer noch, ob ich mal im Skateladen an der Hauptwache gejobbt hätte. Ich käme ihm bekannt vor und auch wegen der Klamotten und so (Carhart Label Shirt und Lakai Sneaker, ließen zumindest auf eine gewisse Rollbrett-Mode Affinität schließen). Ich verneinte wahrheitsgemäß, fühlte mich dennoch geschmeichelt, denn Skateshop-Mitarbeiter sind lässige, sportive, gute Typen.

Was mir hingegen wenig später in meinem Favoriten unter den Frankfurter Sportgeschäften, dem Laufshop,  wiederfuhr, war weniger zu Bauchpinsel-Gefühlen angetan. Eher dazu, besagten Körperteil krampfhaft einzuziehen. Dies Widerfahrnis ist nun der eigentliche Grund meines Berichts.

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Ich hatte ja bereits an anderer Stelle meine Überzeugung kundgetan, aufgrund verschiedener Faktoren geradezu bestens für den Barfußlauf präpariert und geeignet zu sein. Was lag also näher, als im Fachgeschäft meines Vertrauens nach ein paar Tretern mit Minimalgewicht und bar jeder Sprengung zu fragen? So betrat ich also den Laden und wurde sofort von einer jungen Dame mittleren Alters als zu beratendes, potentiell kaufaffines Individuum wahrgenommen und betreut. „Ich brauch mal wieder Schuhe und aufgrund meiner Erfahrungen im Training wäre gegen Minimal- oder auch Natural Running Schuhe nichts einzuwenden.“ – so in etwa lautete die verbale Stehvorlage für jeden ambitionierten Shop-Clerk, die ich von mir gab (hoffend, sie würde ganz in meinem Sinne Gehör finden). Die Gegenfrage kam auf dem Fuße und in einer Lautstärke, die niemandem in dem überschaubaren Verkaufsraum die Möglichkeit einräumte, diese Frage zu überhören: „Sag mal, was wiegst Du eigentlich?“. Shit… mit der Art Replik hatte ich in meiner Antizipation so gar nicht gerechnet. Wiegen? Was soll das denn jetzt? Ich wollte doch Minimalschuhe kaufen und jetzt fragt die Dame nach Maximalwerten? „So dreieenneunzig; viellaich viernneunzig oderso…“ gab ich nuschelnd zum Besten. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. „Nach Stand der Sportwissenschaft beginnt ab einem Körpergewicht von 85 Kilogramm der ‚schwere Läufer‘“, ließ die Koryphäe lautstark verlauten. Etwa die Hälfte der anwesenden Spargeltarzäne und -janes äugten in unsere Richtung. „Mit Deinem Gewicht zählst Du definitiv zu den schweren Läufern“. Die mentalen Potentiale der Schuhverkäuferin hatten meine Mannigfaltigkeit für alle verständlich unter einen Begriff gebracht und mir brach grundlos der Schweiß aus. Ein Kind im Addidas Shirt- seines Zeichens Ausgeburt eines hageren Triathleten Mitte Vierzig – zeigte in meine Richtung. „Was ist mit dem Mann da, Papi?“„Das ist ein schwerer Läufer. Schau da nicht so hin“. Meine erbarmungslose Beraterin hatte inzwischen ins Regal gegriffen und ein filigran wirkendes buntes Schuhchen entnommen. Damit ausgestattet richtete sie neuerlich das laute Wort an mich. „An so einem Minimalschuh ist nicht viel dran“. [„Im Gegensatz zu Dir, Fatso“] ergänzten sie und der Rest der Anwesenden mit großer Wahrscheinlichkeit in Gedanken. „Beim Laufen wirkt bei jedem Schritt das Dreifache des Körpergewichts auf die Gelenke und auf das Material.“ – Lautstärke rauf – „In Deinem Fall also das DREIFACHE Deines Gewichts!“. Sie legte halb unbewusst eine Hand schützend auf den zarten Schuh, den sie mir soeben präsentiert hatte, als wollte sie ihm deutlich machen, dass sie ihn mit allen Mitteln und gegen die Umsatzerwartungen ihres Arbeitgebers vor dem schrecklichen Schicksal bewahren wollte, zwischen meinen Pfunden und dem harten Belag der Frankfurter Straßen binnen weniger Kilometer zu neonbuntem Staub zermahlen zu werden. „Ich hole Dir mal ein geeigneteres Modell.“ Gesagt getan. Der Mizuno, den sie anschleppte, sah zwar nicht wie ein Natural Running Schuh, ansonsten aber ganz normal aus. Als ich das Modell später im Internet suchte, wurde der Treter als Neutralschuh/Dämpfung kategorisiert. Die Worte, mit denen sie mir meinen potentiellen neuen Weggefährten vorstellte, waren jedoch bestens geeignet, als erstes Glied in einer fragwürdigen Assoziationskette zu fungieren. „Das hier, sind Spezialschuhe für schwere Läufer.“ Spätestens jetzt hatten wir alle Aufmerksamkeit. Bilder von klobigen Rübezahlschuhen mit einer Sohle wie bei Tiefseetauchern aus einem Jules Verne Buch wechselten vor meinem inneren Auge mit den Schaufenstern von Sanitätshäusern ab. Spaß machte hier gerade gar nichts mehr. Ich beschloss die Dinger zu kaufen, um der Dame den Mund zu stopfen und äußerte dies mit Entschiedenheit. Aber so leicht sollte es dem schweren Läufer nicht gemacht werden, aus dem Basar des Grauens zu entfliehen. „Anprobieren solltest Du sie schon. Und am besten eine Runde damit Laufen“ [Trompetensolo: Herrrrrreinspazierrrt! Manege frrrrei für den grrrrrotesken Fettsack in Spezialschuhen!] Ich zwängte mich mit feuchter Stirn und vollends lustlos in meine neuen Spezialschuhe. Dafür wurde mir noch, die Frage zuteil, ob mir schon mal jemand gezeigt hätte, wie man einen Laufschuh richtig schnürt… Hier kürze ich ab. Ich rannte in hochgekrempelten Jeans und Spezialschuhen pflichtschuldig vor dem Laden hin und her und bezahlte die Treter, die ich jetzt schon aus tiefster Seele hasste, wobei mir die Blicke im Rücken brannten und der Schweiß in den Kragen strömte. Nur raus hier.

Auf dem Kauf lag kein Glück. Zumindest entpuppten sich die Spezis als Fehlkonstruktion, denn binnen zweier Wochen, in denen ich die Mizunos abwechselnd mit den neuen Addidas Schuhen trug, lief ich das Gummprofil bis auf die Zwischenschuhe runter (an den Supernovas war nichts dergleichen zu bemerken). Zurück im Laufschop wurden die Treter nach kopfschüttelndem Blick auf die Sohle und das Datum auf der Quittung anstandslos umgetauscht. Gegen schicke, schwarzweiße Brooks mit Namen Dyad (klingt wie Diät…). Entschädigt wurde ich durch die Frage der jungen, anderen Verkäuferin, ob ich so Ultraläufe mache (sicher nur in der Hoffnung, die Schuhe nicht zurücknehmen zu müssen).

Klar. Ich mache Spezial-Ultra-Triathlons für schwere Läufer. Kennen Sie nicht den Iron-Michelin-Man?“ Ich bekam für diese Replik zwar kein Lächeln aber neue Schuhe. Ganz stinknormale, neue Schuhe.

Das erste Mal

(während eines schönes Laufs über 10,6 Kilometer am Ufer des Mains; anlässlich der ersten Berührung mit der neuen Mainquerung derselben zugeeignet)

Bridge-overReizvoll spreizen breiter Schenkel Enden,

im höchsten Punkt geeint sich zu verjüngen,

ich trabe an, es pocht in Leib und Lenden,

ihr Bogen wölbt sich federnd meinen Sprüngen,

schon hab auf ihr den Gipfel ich erklommen,

sanft fällt sie ab, die Erde hat mich wieder,

noch bebt es leis im Netz gespannter Glieder,

ich kam zum ersten Mal – ich werde wieder kommen.

Doppelter Hattrick: Drittes Mal Bestzeit, drittes Mal Frankfurt

„Können Sie Finnisch?“ – „Na klar! Am besten das echte Frankfurter Finish!“ Wenngleich dieser Dialog wahrscheinlich niemals stattgefunden hat, entbehrt er doch nicht des Bezugs zur Realität. Am vergangenen Sonntag, den 27. Oktober 2013 haben rund 11.000 Läuferinnen und Läufer aller Alters-, Leistungs- und Gewichtsklassen gezeigt, wie gut sie das Frankfurter Finish beherrschen. Drei davon waren die Rodheim-Veteranen Frauke, Klaus und ich. Damit ist für mich knapp ein Drittel des Weges zur ewigen Startnummer und Mitgliedschaft im exklusiven Frankfurt Marathon Club geschafft und der Traum, irgendwann mit drahtigen Greisen hinter einer Plexiglasscheibe auf einer Tribüne der Festhalle zu sitzen und von den hübschen, barbäuchigen Cheerleadern, die sonst den Zieleinlauf säumen, Edelpasta auf Porzellantellern gereicht zu bekommen, während sich unten in der Halle die Plebs um den letzten Parmesan balgt, ist ein kleines Stück näher gerückt.

Als neues Mitglied von Spiridon Frankfurt e.V. konnte zumindest ich mich schon über einen Vorgeschmack der Exklusivität freuen, denn anstatt mit hunderten nervösen Läufern vor den Toiletten anzustehen, trafen sich die Spiridonis im Maritim Hotel, wo der Verein eine Lounge angemietet hatte – inklusive Freigetränken und freier WCs um selbige wiederum abzusondern. Der Versuch, sich im Zuge der Kleiderabgabe mit Klaus und Co. zu treffen war ohnehin vereitelt worden, denn wer versucht, vor dem Start des Frankfurt Marathons in der Messe mit einem Handy zu telefonieren, könnte dasselbe auch auf dem Rollfeld des Flughafens probieren. Also lungerte und laberte ich in der Lounge herum und ließ mich mit den anderen blaugelbgewandeten Startern ablichten. Irgendwann kam die Kurznachricht: „10:30 Uhr am Eingang Festhalle Startblock“.

Ich fand mich dort ein und wir fanden einander. Klaus und ich vor dem bereits heftig wehenden Wind durch eine schmucke Plastiktüte mit Armlöchern und Runners Point-Aufdruck geschützt, wie das Gros der umgebenden Starterschar. Was beim Auf- und Abstehen im Bereitschaftsraum des hintersten Startblocks noch begeisterte, entlockte uns, eine gefühlte Ewigkeit nach dem Startschuss für die Elite, als auch das Ende des Feldes mit uns Dreien darin begann, sich in Bewegung zu setzen,  den einen und anderen Fluch. Denn spätestens nach den ersten hundert Schritten hatten auch die Letzten in der Starterschlange ihre Häutung vollzogen und den Plastesack dem Wind übergeben, der ihn abtransportierte: mitten ins Gesicht oder wahlweise vor und unter die Füße der Hintermänner und -frauen. Sei’s drum. Ein gutes Training für das spätere Becherschliddern an den Verpflegungsstellen.

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Diesmal trennte sich unser Dreigestirn erst nach knapp fünf Kilometern auf Höhe Senckenberganlage (siehe Bild). Ich war es, der sich zurückfallen ließ, da die Anfangs-Pace höher war als jene, mit der ich glaubte den Marathon stressfrei durchlaufen zu können. Die beste Entscheidung dieses Rennens, denn ab da lief ich gleichmäßig und ruhig bis in die Festhalle.

Es würde mindestens 42,195 Berichte wie den vorliegenden brauchen, um die Eindrücke der langen, langen Runde durch meine Heimatstadt wiederzugeben: Die Musik und die übrigen Geräusche eines großen City-Marathons, die kurzen Dialoge der Läufer untereinander oder mit den teils fröhlich zechenden Jubelpersern an der Strecke, das Abklatschen der begeistert hingestreckten Kinderhände, für die man immer wieder bereit ist, die Strecke um ein paar Meter zu verlängern, indem man Richtung Straßenrand läuft und die kuriosen Kostümierungen. Bis auf eine bitterböse Krampfattacke kurz vor der Halbdistanz, die mich vielleicht zum Aufgeben gebracht hätte, wäre ich nicht von einer sachkundigen Zuschauerin mit ihrem Waden-Wissen gerettet worden (Falls Sie das hier jemals lesen: DANKE!), konnte ich alle diese Eindrücke ebenso genießen wie bei meinem ersten Frankfurt Marathon 2010, bei dem ich meine Bestmarke mit 04:52:36 setzte.

Alle fünf Kilometer merkte ich beim Blick auf das Zwischenzeiten-Armband, dass es immer wahrscheinlicher wurde, diese Marke zu unterbieten. Ich lief ruhig weiter und konsumierte so viele der pappsüßen gratis Energiegels, dass sich mir gegen Ende beinahe der Magen umgedreht hätte. Zum Glück blieb mir dies erspart und damit die zweifelhafte Sensation, eine halbverdaute Riesen-Nacktschnecke auszukotzen, die zeitlebens nur Gummibärchen gefressen hatte. Bestimmt spektakulär, aber muss wirklich nicht sein. Der fruchtige Schleimklumpen blieb, wo er war und meine Physis entzog ihm die nötigen Nährstoffe, um bis auf der Zielgeraden gegen den Wind und die Müdigkeit anzulaufen. Die Böen waren am Ende derart heftig, dass ich befürchtete, von einem abgerissenen Transparent niedergestreckt zu werden und erst nach Zielschluss am Straßenrand zu erwachen. Als ich endlich – bereits auf Endorphinwogen surfend – in den Eingang zu Festhalle tauchte und der Gegenwind mit einem Mal von jetzt auf sofort weg war, schoss ich wie ein Projektil an den Cheerleadern vorbei über die Linie. Arme hoch- und Bestmarke einreißen – so lautete die Devise. 04:45:07 netto. I’ve bettered my best – wofür es am Stand von  Asics ein khakifarbenes Basecap und einen Cranberryriegel gab. Leider gibt es kein Siegerbild zu dritt, da ich Klaus nicht ans Handy bekam und ihn wegen des ohrenbetäubenden Raschelns der Wärmefolien ohnehin nicht verstanden hätte. Geschafft haben wir es alle – und alle mit neuer persönlicher Bestzeit. Manöverkritik spare ich mir, zumal es ausreichend Medaillen gab und nur die nach dem langsamsten Block gestarteten schnellen Staffeln zeitweilig extrem nervten.

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Das Beste an dem Lauf  waren mit Abstand unsere kleinen und großen Supporter an der Strecke: Ich muss Euch nicht alle aufzählen, Ihr wisst wen ich meine.

Ach ja: Einen Tag danach war die Anmeldung für 2014 offen und ich hab es nicht geschafft, eine Startnummer unter 1000 zu ergattern. Sei es drum: 1296 ist meine Glückszahl für das kommende Jahr. Habe gerade die Wikipedia Einträge zu dieser Zahl gelesen; so wie es ausschaut werde ich den nächsten Frankfurt Marathon im Kilt laufen… Gugge mer ma, ob es Schottenröcke aus Funktionstextil im Internet gibt.

Neue Bestzeit die Zweite: Sapptuh – und was nu?

Waren es die Sterne, der unauslotbar tiefe und rätselhafte Ratschluss einer ewigen, den Kosmos durchwaltenden Vernunft oder nur ein Zufall gepaart mit einem Quäntchen Geiz? Jedenfalls fiel ein Termin aus und ich beschloss, als letzten Halbmarathon vor dem großen Ganzen in Frankfurt nun doch nicht in Bensheim, sondern in Rodheim beim „Berglauf des Main-Lauf-Cups“ an den Start zu gehen. Immerhin bedeutete dies ein lächerlich geringes Startgeld von nur neun Euro anstelle der gut zwanzig Tacken für den Lauf an der Bergstraße und zudem eine weit kürzere Anfahrt. Schon im Vorfeld hatte unsere Trias von TeilnehmerInnen am diesjährigen Frankfurt-Marathon die Möglichkeit eines Starts beim Rodheimer Volkslauf – so der wenig spektakuläre Name der Veranstaltung – heiß diskutiert. Nun war es klar: Frauke, Klaus und ich würden hier gemeinsam laufen.

Dass diese Entscheidung die denkbar beste seit langem war, konnte ich zunächst, vor dem Rennen,  nicht wissen; dass sie aber nicht die denkbar schlechteste war, wusste ich bereits kurz nachdem ich den Honda auf den Parkplatz gelenkt hatte. Schon dieses Manöver hatte gewissermaßen Event-Charakter, denn ein überaus eifriger Einweiser gab mir mit seinen ausladenden Armschwüngen das Gefühl, nicht in einem Kompaktvan, sondern in einem A 380 zu sitzen. Außer dem bemühten Fuchtler erwarteten uns Kleinfamilie eine Meereszauber-Hüpfburg, riesige, aufgeblasene Bierflaschen, eine Halle mit einer Mini-Marathon-Mall und obendrein saubere, warme Umkleiden nebst Toiletten satt. Frida, mein Töchterchen erklomm ihr aufgeblasenes Freudenhaus und ich begann, mich mental auf den Halbmarathon einzuschießen.

Im Startbereich warteten wir drei Laufsüchtigen noch gemeinsam auf den Schuss und ertrugen das Grußwort einer Wein- Spargel- Whatever-Königin und eines der Bürgermeister aus dem Club der „Unsere Stadt wird Laufstadt Nummer eins und unser Dorf soll sportlicher werden“-Bürgermeister. Danach trennten wir uns bereits auf den ersten 1000 Metern – ohne Groll, denn so war es von vorneherein beschlossen: Jede/r so, wie sie/er mag. Auf der ersten langen, leicht ansteigenden Geraden war ich dessen ungeachtet nicht lange allein, denn mit einem Mal lief eine kleine, fixe Person neben mir tumben Riesen her. Dabei blieb es dann auch erstmal und erstmal heißt so viel wie: bis Kilometer 19. Melanie K. ließ mich erst 10 Kilometer ziehen und zog hernach selbst. Merke: Auch kleine Planeten sind in der Lage, ein gerüttelt Maß an Gravitation aufzubauen. Wir liefen und laberten und zwischendurch blieb noch genug Zeit, mit Klaus und Frauke abzuklatschen. Das Leben ist wie ein Rundkurs in Rodheim: Man trifft sich immer zweimal.

Wenngleich schon nach der ersten Runde das Rätsel, warum Rodheim als Berglauf bezeichnet wird, gelöst war, blieb unsere Pace deutlich unter 6 min/km. Zwei fiese Wadenbeißer schnappten nach uns, doch wir ließen uns nicht irritieren. Bis irgendwann die Flasche in meinen Unterschenkeln leer war und ich Melanies „Sorry, bis gleich im Ziel“ mit einem dehydrierten Grunzen quittierte. Der eine, kleine Kilometer alleine war lang und jede Furche des miesen Ackers, den ich entlang trabte, war wie ein A…schtritt durch die Füße nach oben. Das Schlimmste aber war der Anblick des Displays meines permanent unterforderten Triathletenweckers. Unter zwei Stunden…noch… Immer noch… Immer noch, aber nicht mehr so üppig… Endlich am Stadion angelangt, wartete noch eine endlos scheinende Schleife bis zur Ziellinie doch auf dem Scheitelpunkt derselben stand die Uhr noch immer bei 01:58:10. Sollte das möglich sein? Ich machte ein ekelerregendes Geräusch oder zwei und warf mich nach vorn. Mit Erfolg. 01:59:21. Das war‘s. Nicht weniger – aber damn shit auch nicht mehr!

Hier ein Bild der Sieger von Rodheim:

rodheim-triomphUnd die Urkunde als Belegung der Bewegung:

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Hernach vernichteten wir in einem Kaff, das ich bis dato auch nicht kannte (Petterweil) eine kleine Herde Paarhufer im Teigmantel mit Fritten und Fränkischem Dunkelbier.

Angesichts der zweiten persönlichen Bestzeit innerhalb des laufenden Jahres drängt sich zwangsläufig die Frage auf: Was ist mit dem Hattrick? Dem überaus flotten Dreier? Der Bestzeit nun auch auf der mythischen Marathon-Strecke? Noch bleiben knapp zwei Wochen des Zweifels, bis die 42,192 Kilometer durch die Mainmetropole Gewissheit bringen werden.