Auf und nieder… Nächstes Jahr wieder!

Jedes Laufmagazin würde mich zum Deppen stempeln. Kein einziger Lauf über 22 Kilometer. Vier Wochen nicht trainiert wegen Virusgrippe und Antibiotika Einnahme. Frankfurt Marathon ausfallen lassen und dann – Bad Arolsen. Zu allem Überfluss hatte ich mich nicht einmal über das Streckenprofil informiert. 470 Höhenmeter und teils bis zu 18 Prozent Steigung…

Wer Bad Arolsen nicht kennt, sollte eine Erstberührung in Erwägung ziehen: Die kleine, einstige Garnisonsstadt hat nicht nur ein wunderschönes Barockschloss und eine der (zumindest an der Aufguss-Performance gemessen) besten Thermen Hessens zu bieten – sie wartet zudem mit gleich zwei Marathon Veranstaltungen auf. Mit einem solchen Pfund können nur wenige weit größere Städte wuchern.

Nachdem wir am Vortag aufgrund einer für Ortsunkundige erbärmlich ausgeschilderten Umleitung gefühlte drei Jahre durchs Waldecker Hinterland gegurkt waren, trafen wir im Ferienpark Twistesee ein. Man sucht zwar (vor allem am Wochenende) eine Weile nach der richtigen Hütte, hat man sie jedoch gefunden ist alles traumhaft. Warm, gemütlich, geschmacksbefreite Kunstgegenstände aber gute Betten. In jedem Fall eine Empfehlung für alle Läufer, die von außerhalb kommend den Adventmarathon in Angriff nehmen wollen.

Dass die Organisation ungeachtet der prima specie provinziellen Anmutung und der winzigen Startgebühr Spitze war, offenbarte sich bereits bei der Abholung der Startnummern am Vorabend des Laufs. Eine gratis Kappe mit Leuchtstreifen, ein Adventskalender mit Knusperkugeln, warme Worte und mehr als ein Lächeln. Das höchst erfreuliche Gegenteil jeglicher Massenabfertigung, wie man sie von den Big-City-Marathons gewöhnt ist.

Nach einer nervösen Nacht ging ich es an. Eine Stunde vor dem fitteren Rest der Welt und mit dem sicheren Gefühl des Scheiterns – und genau diese Stärke, die Schwäche einzugestehen, gab mir Kraft. Dieser Blick für die Realität  – und die einfach tolle Orga. Ich habe selten derart liebevoll bestückte Verpflegungsstationen gesehen.

Nach der Begrüßung und der Streckeninfo des Veranstalters (inklusive dem Hinweis, dass es in den Wäldern, durch die wir laufen würden, vor Schwarzwild nur so wimmelte…) wurde die kleine Gruppe der Frühstarter gegen Viertel vor Zehn zur Startlinie auf dem Damm am Twistesee geführt. Laufkumpanin Anita, die nach Kopenhagen und Rothaarsteig (jeweils unter vier Stunden) auch hier mitlaufen würde (zur regulären Startzeit sollte es für sie losgehen) begleitete mich zusammen mit Frau und Kind und einer weiteren altgedienten Freundin der Familie. Es wurde laut gezählt – und wir waren unterwegs.

Entgegen meiner Befürchtung entzerrte sich die Gruppe bereits auf den ersten zwei Kilometern. Ich begann mein Tempo zu suchen und fand es. Die ersten Steigungen kamen bereits zwischen Kilometer drei und vier. Auf laubbestreuten Waldwegen ging es stetig bergan. Die erste  Verpflegungsstation kam schneller als gedacht und entgegen dem Hinweis an die Frühstarter, dass die Stationen erst gegen 11 bestückt sein würden, wartete der warme Zitronentee bereits auf uns. Die wenigen Querungen von Landstraßen wurden durch freundliche Polizisten zu einem gefahrlosen Unterfangen und tatsächlich waren auch ein paar Zuschauer zugegen, die uns anfeuerten. Das Wetter war ebenfalls ein Traum: kalt, aber trocken und etwa eineinhalb Stunden nach dem Start zeigte sich die Sonne und mit ihr der Herbstwald und die ursprüngliche Landschaft des Waldecker Landes in ihrer ganzen Schönheit. Auf einer langgezogenen bergab Passage – etwa bei Kilometer 14,5 erlebte ich das erste Stimmungshoch dieses Marathons. Gut, denn kurz hinter der nächsten Verpflegungsstation (Lebkuchen, Salziges, Schokoriegel, Bananen, Cola, warmer Tee, Wasser) im Tal kam der härteste Anstieg. Hier überholte mich dann auch der führende Lokalmatador mit der Startnummer eins. Klatschen meinerseits und ein „Hau rein!“ – „Du auch!“ Dialog – dann war die Begegnung vorbei. Nummer eins lief uneinholbar einer Top-Zeit deutlich unter drei Stunden entgegen: angesichts der Strecke eine grandiose Leistung. In schneller Folge zogen auf den nächsten Kilometern bis zur Halbdistanz das schnellste Drittel der rund 280 Starterinnen und Starter vorüber. Ich erlebte bei Kilometer 25 meine erste Krise – aber nicht wegen der Tatsache, dass alle schneller waren (das bin ich ja gewohnt). Vielmehr nervte es, dass die Ruhe vorbei war, die den ersten Teil meines ganz eigenen Adventmarathons so magisch gemacht hatte. Zudem stimmte das Gerücht, dass es ab Kilometer 26 eigentlich nur mehr bergab gehen sollte, nicht einmal im Ansatz.

 

Da ich bei diesem Lauf aufgrund meiner mangelhaften Vorbereitung konsequent die Methode von Jeff Galloway befolgte (alle 1,5 Kilometer eine Minute zügig gehen), hatte ich keine Krämpfe und lief einfach weiter. Bei Kilometer 32 überholte mich Anita als bis dato Fünfte bei den Damen und bei Kilometer 34 warteten die Familie – und das Auto… Ich dachte jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht im Traum daran, an diesem Punkt abzubrechen, zumal es allem Anschein nach ab hier tatsächlich zu Tal in Richtung Twistesee gehen würde. Bei Kilometer 36 kamen die Stöpsel ins Ohr und mit Billy Talent und Volbeat kam das zweite Hochgefühl. Ich rannte durch bis zur letzten Verpflegungsstation und genoss es, wieder allein zu sein. Einzig die anfangs so schnell gelaufenen Kilometer um den See bis hin zum Ziel zogen sich endlos, doch hier war klar, dass auch globale Krämpfe das Finish nicht gefährden würden. Ein paar Minuten später hing das begehrte Blech am schweißverkrusteten Hals und es ging mit meiner kleinen Fangemeinde, zu der sich auch der Onkel meiner Frau aus Marburg gesellt hatte zum ersten, aber beileibe nicht letztem Glühwein des Tages in die Twistesee Sporthalle.

Mein Fazit: Ein kleiner, feiner Lauf in wunderschöner Natur der sich in Sachen Organisation hinter manch großem Top-Event nicht verbergen muss. Vor allem in Sachen Verpflegung ließ der Adventmarathon keine Wünsche offen (sogar Lebkuchen gab‘s). Dazu das Erlebnis einer herzlichen, sportlich-familiären Atmosphäre. Auch wenn ich im kommenden Jahr aufgrund meines Attests einen Freifahrtschein für den BMW Frankfurt Marathon habe, werde ich mich wieder für Bad Arolsen anmelden. Schöner kann der Saisonausklang eigentlich nicht mehr werden.

Mit Training Lab auf neuen Wegen zur Quantifizierung des Seins

Dem berühmten deutschen Philosophen Kant zufolge, wird unsere gesamte menschliche Erkenntnis durch basale, begriffliche Formen des Denkens strukturiert, die der kluge Königsberger Kategorien nannte. Was nicht durch die Begriffe der Qualität (etwas Bestimmtes Sein), Quantitat (eine bestimmte Menge von etwas Sein), Relation (etwas im Verhältnis zu etwas anderem Sein) und Modalität (etwas in bestimmter Weise Sein)  immer schon bestimmt ist, ist für den Menschen schlichtweg kein Gegenstand, den er erfahren kann.

Soweit das philosophische Vorspiel zum Menschen als Mensch – nun zum Menschen als Läufer.

Für Menschen die Laufen, zählt von diesen Kategorien vor allem jene der Quantität. Läufer – und auch ihre multisportlichen Artgenossen wie Tri- und Duathleten – tendieren dazu, alles, was sie sind, in zählbare Größen umzuwandeln. Wer auf die Frage: „Wie war dein Lauf?“ mit „Entspannt. Ich war so ungefähr eine Stunde bei schönem Wetter im Park“ antwortet, ist ein Jogger. Der Läufer, der diesen Ehrentitel mit Fug und Recht beansprucht, druckt dem Fragenden ein Excel-Sheet mit den circa 25 wichtigsten Parametern aus. Distanz, Höhenprofil, Pace (min, max, Schnitt), Geschwindigkeit (min, max, Schnitt), Zeit, Höhenprofil, Kalorienverbrauch, Pulsfrequenz nach vorher festgelegten Belastungsstufen unterteilt, zudem Wetterdaten und eine Karte der Strecke – wahlweise als Skizze oder Satellitenfoto mittels Google Maps Import.

Auch die immens schlaue Kappe der süddeutschen Firma O-Synce, die ich seit geraumer Zeit Zwecks Langzeittest in meinem Besitz habe und bereits zum Gegenstand einer ersten Beurteilung gemacht hatte, gestattet dem laufenden Vertreter des postmodernen Homo sapiens nicht nur dank ihres multipel belegbaren Displays eine gediegene Selbstquantifizierung; die zugehörige Software, die zum kostenfreien Download auf der Webseite des Unternehmens bereitsteht, ermöglicht zudem die Führung eines sportiven Diariums, oder weniger geschwollen: eines vollumfänglichen Lauftagebuchs, das sogar den Import von Bildern gestattet.

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Vor allem die Internet- und Social Media- Skeptiker, die überhaupt keine Lust dazu verspüren, sich bei einer der zahllosen Online-Communities für LäuferInnen anzumelden, werden angesichts dieses Programms frohlocken, denn Training-Lab bietet offline, was andere Hersteller nur in Verbindung mit einer Registrierung bei dem jeweiligen Online-Portal bieten. Online geht natürlich auch – ist aber kein Muss.

Vor allem die Möglichkeit eines Bilder-Upload wertet das Lauftagebuch ungemein auf. Was ich bislang noch nicht herausbekommen habe, ist, wie man die Höhenunterschiede ermittelt. Wäre es unmöglich, mit dem Sports-Visor Screeneye X und der zugehörigen Software Training-Lab diese Daten zu erheben, wären derlei Datenfelder – wie sie (siehe oben) Bestandteil jeder Tagesansicht des Trainingstagebuches sind, schlicht überflüssig.

Hier wird sicher von Herstellerseite ein Statement folgen.

Fürs Erste so viel als vorläufiges Fazit: Schnelle und einfache Datenübertragung (Kabel) in Richtung der kostenlos herunterladbaren Software. Letztere bietet nette Features, die sich von den Standards der Mitbewerber positiv abheben (vor allem als offline nutzbares Lauftagebuch mit Bilder-Import); wechselnde Ansichten, die einen differenzierten Überblick von Tag bis hin zum ganzen Jahr gestatten und jede Menge weiterer grafischer Gimmicks, die es dem ambitionierten Hobby-Renner erlauben, sich in toto in Quantität aufzulösen.

Da die Tage länger werden und auch für frühe Vögel genug Licht am Firmament zu finden ist, um das Display des Screeneye-X zu illuminieren, wird es nun noch sehr viel öfter heißen: „Liebes Tagebuch…“.

Rücktritt und Neuwahl: Statt Frankfurt nun Bad Arolsen

Wenige Entscheidungen fallen ähnlich schwer, wie der Rücktritt vom Start bei dem Marathon, auf den alle Anstrengungen des Lauftrainings, alle Equipment-Käufe und (teilweise ekligen) Supplement-Experimente in letzter Konsequenz gerichtet waren. Ich hatte unmittelbar nach dem Zieleinlauf im letzten Jahr und trotz des Medaillenfrusts das Ziel des dritten Finishs in der Festhalle gesteckt und dem Entschluss die frühestmögliche Anmeldung zum Frankfurt Marathon 2012 folgen lassen.

Und nun machte die Schwäche des in die Jahre gekommenen Leibes und seiner Infekt-Anfälligkeit dem Plan kurz vor seiner Realisierung den Garaus. Sch…e! Es macht nicht im geringsten Freude, sich den Lauf von der Couch aus zu betrachten, wenn man selbst frieren, leiden, hadern und schlussendlich feiern wollte. Schuld an der Krankheit und dem Rücktritt vom Lauf des Jahres war nicht etwa pure Unvernunft – halbnackt und trunken Tanzen während eines Hagelschauers oder so etwas in der Art. Schuld war wie immer der Nachwuchs.

Wer ein Kleinkind hat, das in eine Krippe geht, weiß, wovon ich rede: Die lieben Kleinen, deren Immunsystem in den ersten Jahren fleißiger und regelmäßiger trainiert als Papa in seinem ganzen Läuferleben sind die reinsten Seuchenvögel. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht einer der entzückenden Strolche neues, Elend bringendes Miasma aus seinen Poren und triefenden Nüstern entlässt und die ganze Krabbel-Gruppe lachend und krähend kontaminiert – die lieben Eltern eingeschlossen. Ach ich erlag – dem Ziel zum Greifen nahe – einer weiteren Sputum-Attacke. Folge: Fieber, Husten, Heiserkeit, Halsweh (leider kaum Appetitlosigkeit…).

Alle Läufer tun in einer solchen Situation das Gleiche: Sie durchforsten mit Ingrimm sämtliche Sportlerforen des Internets auf der Suche nach dem einen ausgewiesenen Experten, dessen Beitrag ihnen bescheinigt, dass es entgegen landläufiger Meinung gänzlich gefahrlos ist, mit angeschlagener Gesundheit 42,192 Kilometer durch kaltes Herbstwetter zu rennen. Auch ich habe gesucht – und nichts gefunden.


Es war meine outgesourcte Vernunft in Gestalt meiner Angetrauten, die mich letztlich von einem Start Abstand nehmen ließ (zugegebenermaßen hatte die Vorstellung einer vollbusigen Cheerleaderin, die weinend eine glänzende Finisher-Medaille auf meinen in der Festhalle aufgebahrten Sarg drapiert in meiner fiebernden Gedankenwelt kurzzeitig etwas sehr Erhabenes…). „Such Dir doch einen anderen Marathon, wenn Du wieder fit bist“ – so sprach die Stimme der Vernunft aus der sonst eher emotionalen Hülle.

Gesucht, gefunden: In diesem Jahr – genauer in 22 Tagen wird es nun zum Adventsmarathon an den Twistesee in Bad Arolsen gehen. Natur pur, nur ein paar Hundert StarterInnen und die Gelegenheit eines Frühstarts für Rentner und Frührentner (mich). Noch immer ist die Erkältung nicht ganz gewichen – aber egal: Ich werde alles daran setzen dort zu starten und werde den Weg dahin an dieser Stelle genau protokollieren.

Dann werden alle kränkelnden Läufer wenigstens fündig, wenn sie im Web nach Antwort auf ihre Frage: Marathon-Reife in zwanzig Tagen nach gesundheitlichem Vollcrash suchen.

Camping B. – No Go Area für verdurstende Läufer

Ich gebe es zu: ich bin ein Schnorrer. Allerdings schnorre ich weder Zigaretten, noch 50 Cent Stücke noch andere ähnlich gern geschnorrte Gegenstände. Ich schnorre manchmal Leitungswasser.

Seit meiner lang vergangenen Zeit als extrem übergewichtiger Teenager schwitze ich unverhältnismäßig stark. Dies hat sich auch nach meinem Wandel zum bemüht-sportlichen Normalgewichtler nicht verändert. Schon bei einer gemalten Sonne auf einer Mehlpackung beginne ich zu saften. Dementsprechend hoch ist mein Flüssigkeitsverlust beim Laufen – besonders jetzt im Sommer und im Zuge der immer länger werdenden Strecken vor dem Marathon. Selbst wenn ich bei einem 20km Lauf eine 1,5 Liter Flasche mitschleppe, was mir meist zu schwer ist, komme ich gerade mal so hin. Also bin ich dazu über gegangen, gelegentlich Leitungswasser zu schnorren. Kaum ein Frankfurter Lokal in der Nähe des Mains, wo ich noch nicht freundlich gefragt hätte, ob es möglich wäre, meine leere Pulle im Waschraum kurz aufzufüllen. Für Gotteslohn, wie es in frommeren Zeiten hieß, also umsonst. Selbst in der noblen Gerbermühle wurde mein Ansinnen mit Freundlichkeit und Wohlwollen quittiert, und die Mischung aus Dankbarkeit und ein wenig schlechtem Gewissen ob meines Bittsteller Gehabes, veranlassten mich in den meisten Fällen, die jeweilige Lokalität in Casual Klamotten und selten allein noch einmal aufzusuchen, und ein Bier zu trinken. So gesehen hat sich meine Schnorrerei für die Wirte sogar gelohnt, denn wer mich kennt weiß, ich trinke selten nur ein Bier.

Heute waren mindestens 25 km geplant und aufgrund des dunstig warmen Wetters war meine 0,65 Liter Flasche bereits kurz vor Offenbach Bürgel leer. Als ich die Brücke über den Main querte, fiel mein Blick auf das bunte Treiben eines Campingplatzes. Ich lenkte also die Schritte durch das Tor und einer der Platzgäste wies mir den Weg zu einer Art Kneipe nebst Verwaltung inmitten des Platzes. „Da krisse Wasser!“. Die Brüder hatten bereits sauber geladen, was mich jedoch nicht im Geringsten befremdete. Die Kneipe war leer und roch wie eine Kneipe. Echt Old School, aber auch damit habe ich keinerlei Probleme. Aus dem hefigen Halbschatten trat eine Dame unbestimmten Mittelalters die mich zunächst begrüßungsfrei  und leicht abschätzig musterte. Ich beeilte mich mein freundlichtes Lieblings-Schwiegersohn Lächeln aufzulegen und mein Verslein her zu sagen: „Hallo! Wie sie sehen treibe ich Sport und dummerweise ist mir das Wasser ausgegangen. Wäre es möglich, dass ich meine Flasche bei Ihnen kurz mit Leitungswasser fülle?“ Merke: Wir sind auf einem Campingplatz, wo überall Hähne sind, damit früh am Nachmittag volltrunkene Opas ihre Tennissocken waschen können. Schweigend ruhen die trüben und immer noch abschätzig drein schauenden Augen auf meiner schweißtriefenden Figur. Und dann kam es aus der Zeltplatz-Matrone  hervor: „Dassss ssss eigennlich nichüblich hier!“. Der mehlig-kehligen Abfolge von Zischlauten zufolge hatte auch Madame ihrem ersten Schoppen schon lange vor meiner Ankunft Ade und seinen Nachfolgern Hallo gesagt. Dazu präsentierte sie ein scheppes Lächeln. Zuerst ließ mich diese Mundverzerrung glauben es käme noch was nach, wie: für so fleißige Läufer mach ich gern mal ne Ausnahme, aber stattdessen erstarrte sie mit verschränkten Armen und nunmehr richtig bösartig grinsend zur Salz- oder Kalksäule wie weiland Lots Weib vor den Toren Sodoms. Völlig perplex ob solch selbstgefälliger Unfreundlichkeit staubte ich von dannen. Die Empörung trug mich auch ohne wässrige Labung bis beinahe nach Hause wo ich nach 27,46km mit einem alkoholfreien Weizen zusammenklappte.

Auf der Homepage bezeichnen sich die Camping-Platzhirsche als „Oase am Main“. Seltsam. Ich muss  den Begriff einer Oase bis heute völlig missverstanden haben.

Ü30 (Teil 2) – Geteilter Lauf ist halber Lauf

Lauftreffs sind eine tolle Erfindung: Sportives Socializing zum Schwätzen und Schwitzen. Als eigenbrötlerischer Misanthrop hatte ich diese tolle Erfindung bislang mit kühler Missachtung gestraft, doch angesichts der Vorstellung eines ersten 30km Laufs hatte ich mich entschlossen, das umfangreiche Marathonvorbereitungsangebot von Spiridon Frankfurt – einem der größten Laufvereine meiner bundesdeutschen Heimat – wahr zu nehmen. Zum Glück, denn allein eine solche Strecke zu bewältigen ist vor allem für die Psyche eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Ich muss gestehen, dass meine Vorurteile durch den ersten Eindruck des Laufens in einer Gruppe Gleichgesinnter und ungefähr Gleichgetrimmter geradezu pulverisiert wurden.

Es beginnt bereits mit der augenscheinlichen Bestätigung, dass man nicht der einzige Depp ist, der den Sonntagmorgen nicht zum Ausschlafen nutzt, und stattdessen in bunter Funktionskleidung und mit seltsamen Beutelchen und Fläschchen an und auf den Hüften schweißtriefend durch die Gegend rennt. Hinzu kommt der massive Einfluss interessanter und größtenteils laufsportbezogener Kommunikation auf das subjektive Zeit und Streckengefühl.

Minuten und Kilometer werden zur gefühlten Hälfte ihrer Dauer komprimiert. Verwundert vernimmt man das Signal der GPS Uhr, dass bereits 20km Strecke bewältigt sind. Nach dem Lauf, der durch die perfekte Infrastruktur des Spiridon Lauftreffs unter einer heißen Dusche am Ziel endet, fühle ich mich nicht nur unbesiegbar und beinhart, wie der Terminator – ich teile auch seine häufig geäußerte Überzeugung: „Ich komme wieder!

Ü30 (Teil 1) – Morgenstund hat Blei im Hintern

Mich frühmorgens am Sonntag zum Laufen fertig zu machen,  gleicht einer Rekapitulation der eigenen Geburt und ist ein ähnlich traumatisches Geschehen. Aus der Geborgenheit und Wärme des Bettes und der Nähe des Weiblichen in Gestalt meiner friedvoll schlummernden Gattin geht es hinaus in die kalte und erbarmungslose Wirklichkeit. Mit verklebten Lidern und fröstelnd lauscht man der Litanei des inneren Schweinehundes: „Warum tust Du Dir das an? Weltrekorde wirst du bestimmt nicht mehr brechen! Schlaf weiter und lass Dir ein Frühstück machen!“ – so klingt sein perfides Mantra.

Doch ich bleibe hart, wenngleich ich froh wäre, wenn wenigstens mein Weib mir zärtliche Bewunderung und tiefen Respekt zollen würde. Stattdessen höre ich nur ein schlaftrunkenes: „Mach das Ding aus!“ als die Weckwiederholung des Mobiltelefons erneut zu Piepen beginnt. Ich trolle mich ins Bad und beginne mit der Routine des Leistungswilligen. Brustwarzen abkleben, Pulsgurt umschnallen und eine dürftige Katzenwäsche vornehmen. Danach in die Klamotten, die ich dummerweise über Nacht  auf dem Balkon hängen gelassen habe.

An der Güte Gottes und meinem Verstand zweifelnd streife ich weinerlich die kälteklamme und feuchte Tight und das Shirt über meinen geht-so gestählten Leib. Dann packe ich alle noch vorhandenen Gele und den köstlichen Rest meiner ersten Tüte Powerbar Ride Shots Cola (Gummibärchen speziell für Mitglieder der laufenden Zunft) in die Tasche, fülle eine 1,5 Liter Wasserflasche mit Frankfurter Leitungsbrunnen und verlasse in meinen alten Adidas Supernova Cushion, dem mit Abstand am Besten eingelaufenen Paar Laufschuhe, das ich besitze, die Wohnung: Volle 30km stehen auf dem Programm – so weit bin ich noch nie zuvor am Stück gelaufen…

First Time, first Lauf…

…zumindest wenn es um die mythische Distanz von 42,195 Kilometern geht. Meine Anmeldung zum Commerzbank Marathon Frankfurt am 31.10.2010 ist Ende des letzten Monats beim Veranstalter eingegangen, und die Startgebühr von durchaus annehmbaren 60 Euro bereits unwiederbringlich vom Konto verschwunden. Der immensen Versuchung, bereits bei Anmeldung eines der stylischen Finisher-Funktionstrikots zu bestellen, habe ich widerstanden. Zu zahlreich sind die Möglichkeiten des Scheiterns, und auch wenn ich eigentlich davon ausgehe, mit entsprechender Vorbereitung und Disziplin die Strecke bewältigen zu können, und zudem aus meiner Zeit als nicht wirklich schlagfertiger Hobbyboxer in verschiedenen Vereinen ein gerütteltes Maß an physischer Leidensfähigkeit mitbringe, habe ich doch einen Heidenrespekt vor der doppelten Halbmarathondistanz. Die Vorstellung, bei km 27 aussteigen zu müssen und als desillusionierter, deprimierter und dehydrierter Zombie – passend zu Halloween – mit einer Taxe oder Öffis ins Ziel zu kommen, wo mich der Anblick meines bereits bezahlten und vom Umtausch ausgeschlossenen Hemdchens verhöhnt, ist gar zu schrecklich. Nun geht es also ans sprichwörtlich Eingemachte und daran, die gemütliche Wochenbilanz von round about 40 Laufkilometern auf Werte zwischen 60 und 80 zu steigern. Die erste Stufe habe ich bereits überschritten, und am kommenden Sonntag steht der erste lange Lauf über 30km mit einer Pace von 6.15/km mit dem Lauftreff von Spiridon Frankfurt auf dem Trainingskalender. Mal schaun – wenn der erste Marathon Lauf geschafft sein sollte, finde ich bestimmt einen traurigen Zombie im Zielgebiet, der nur zu gerne bereit ist, sein im Voraus gegen bessere Skepsis geordertes Finisher Longsleeve Größe L gegen einen Bruchteil des ursprünglichen Kaufpreises an mich abzutreten.

Spießbratenlaufen

 

Es ist Sommer. Lange hatte ich gezögert diesen lapidaren, schlichten Satz über die Lippen zu bringen. Regen, Wind und all die seltsamen Zufälle der Witterung in unseren so genannten gemäßigten Breiten hatten mich Zögern lassen. Auslaufender Winter, Frühlingsanfang, Frühlingsmitte, Spätfrühling…Frühsommer? Doch irgendwann gibt es einfach keine sachhaltigen Gründe mehr um Zweifel anzumelden. Schon beim Erwachen klebt die Steppdecke mit der Adhäsionskraft von Gebisshaftcreme an den schlafschweren Gliedern, und die Anstrengung, sie abzuwerfen, lässt salzige Sturzbäche aus jeglichen Poren hervor brechen. In der gut gefüllten U-Bahn auf dem morgendlichen Weg ins Büro sieht man sich genötigt eine Art Gelee einzuatmen, in welchem die synthetischen Kokos- und Vanillearomen diverser Sonnencremes als angenehmste Kopfnoten heraus ragen – von den übrigen Bestandteilen, deren Anteil sich bei der Rückfahrt am frühen Abend deutlich erhöht hat, geflissentlich zu schweigen.weiterlesen