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Ü30 (Teil 2) – Geteilter Lauf ist halber Lauf

Lauftreffs sind eine tolle Erfindung: Sportives Socializing zum Schwätzen und Schwitzen. Als eigenbrötlerischer Misanthrop hatte ich diese tolle Erfindung bislang mit kühler Missachtung gestraft, doch angesichts der Vorstellung eines ersten 30km Laufs hatte ich mich entschlossen, das umfangreiche Marathonvorbereitungsangebot von Spiridon Frankfurt – einem der größten Laufvereine meiner bundesdeutschen Heimat – wahr zu nehmen. Zum Glück, denn allein eine solche Strecke zu bewältigen ist vor allem für die Psyche eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Ich muss gestehen, dass meine Vorurteile durch den ersten Eindruck des Laufens in einer Gruppe Gleichgesinnter und ungefähr Gleichgetrimmter geradezu pulverisiert wurden.

Es beginnt bereits mit der augenscheinlichen Bestätigung, dass man nicht der einzige Depp ist, der den Sonntagmorgen nicht zum Ausschlafen nutzt, und stattdessen in bunter Funktionskleidung und mit seltsamen Beutelchen und Fläschchen an und auf den Hüften schweißtriefend durch die Gegend rennt. Hinzu kommt der massive Einfluss interessanter und größtenteils laufsportbezogener Kommunikation auf das subjektive Zeit und Streckengefühl.

Minuten und Kilometer werden zur gefühlten Hälfte ihrer Dauer komprimiert. Verwundert vernimmt man das Signal der GPS Uhr, dass bereits 20km Strecke bewältigt sind. Nach dem Lauf, der durch die perfekte Infrastruktur des Spiridon Lauftreffs unter einer heißen Dusche am Ziel endet, fühle ich mich nicht nur unbesiegbar und beinhart, wie der Terminator – ich teile auch seine häufig geäußerte Überzeugung: „Ich komme wieder!

Ü30 (Teil 1) – Morgenstund hat Blei im Hintern

Mich frühmorgens am Sonntag zum Laufen fertig zu machen,  gleicht einer Rekapitulation der eigenen Geburt und ist ein ähnlich traumatisches Geschehen. Aus der Geborgenheit und Wärme des Bettes und der Nähe des Weiblichen in Gestalt meiner friedvoll schlummernden Gattin geht es hinaus in die kalte und erbarmungslose Wirklichkeit. Mit verklebten Lidern und fröstelnd lauscht man der Litanei des inneren Schweinehundes: „Warum tust Du Dir das an? Weltrekorde wirst du bestimmt nicht mehr brechen! Schlaf weiter und lass Dir ein Frühstück machen!“ – so klingt sein perfides Mantra.

Doch ich bleibe hart, wenngleich ich froh wäre, wenn wenigstens mein Weib mir zärtliche Bewunderung und tiefen Respekt zollen würde. Stattdessen höre ich nur ein schlaftrunkenes: „Mach das Ding aus!“ als die Weckwiederholung des Mobiltelefons erneut zu Piepen beginnt. Ich trolle mich ins Bad und beginne mit der Routine des Leistungswilligen. Brustwarzen abkleben, Pulsgurt umschnallen und eine dürftige Katzenwäsche vornehmen. Danach in die Klamotten, die ich dummerweise über Nacht  auf dem Balkon hängen gelassen habe.

An der Güte Gottes und meinem Verstand zweifelnd streife ich weinerlich die kälteklamme und feuchte Tight und das Shirt über meinen geht-so gestählten Leib. Dann packe ich alle noch vorhandenen Gele und den köstlichen Rest meiner ersten Tüte Powerbar Ride Shots Cola (Gummibärchen speziell für Mitglieder der laufenden Zunft) in die Tasche, fülle eine 1,5 Liter Wasserflasche mit Frankfurter Leitungsbrunnen und verlasse in meinen alten Adidas Supernova Cushion, dem mit Abstand am Besten eingelaufenen Paar Laufschuhe, das ich besitze, die Wohnung: Volle 30km stehen auf dem Programm – so weit bin ich noch nie zuvor am Stück gelaufen…