Schlagwort: Marathonvorbereitung

Gut drauf beim letzten langen Lauf

Der letzte Halbmarathon in Mühlheim hat es klar gezeigt: Ganz verkehrt kann die diesjährige Vorbereitung auf den 35. Frankfurt Marathon nicht gewesen sein. Respice  finem sagt der Lateiner und was ich am Ende als Ertrag der gemäßigten Mühen erwarte, erscheint keineswegs überzogen. Es geht nicht darum, krampfhaft schneller zu werden. Die Fixierung auf irgendwelche neuen Bestzeiten, für die der ambitionierte Marathoni ohnehin nur ein mitleidiges Lächeln übrig hätte, hat mich schon einmal um die Freude am Lauf gebracht. Mir geht es 2016 darum, das Gefühl bei meinem ersten und dritten Frankfurt Marathon wieder zu finden. Es einfach laufen lassen, die Strecke und die Stimmung erleben und möglichst wenig zu marschieren. Soweit der Plan.

Hit the Road Jack - with my Süppelrucksack on my back
Hit the Road Jack – with my Süppelrucksack on my back

gut-drauf3Ob dies im Bereich des Möglichen ist, galt es am Sonntag, der mit herrlichem Herbstwetter aufwartete, ein letztes Mal zu überprüfen. Auch wenn sich die Trainingspläne für Marathon nicht ganz einig sind, sehen die meisten den letzten Lauf über mehr als die Halbdistanz für den vorletzten Sonntag vor dem Rennen vor. Die Strecke die ich mir ausgesucht habe, beginnt mit einer großen Runde im Günthersburgpark und führt danach auf dem Radweg bis ins Zentrum der Quellenstadt Bad Vilbel. Kurz vor der Unfallklinik am Huthpark treffe ich einen älteren Läufer mit Frika Triathlon Team-Trikot, der wie ein Uhrwerk eine 7er Pace abspult. Er hat bereits 17 Kilometer in den Beinen und eine kleines Stück Weg geht es mit einem Plausch gemeinsam dahin. Schon nach dem ersten Kilometer merke ich, dass mir die Fügung den perfekten Pacemaker an die Seite gestellt hat. Er bringt mich genau in den richtigen Rhythmus und das, obwohl er mit einer Zielzeit von unter vier Stunden läuferisch in einer anderen Klasse zuhause ist. Unweit der Heilsberg-Siedlung wünschen wir uns viel Erfolg für den 30.10. und jeder läuft wieder seiner Wege.

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Ü30 (Teil 2) – Geteilter Lauf ist halber Lauf

Lauftreffs sind eine tolle Erfindung: Sportives Socializing zum Schwätzen und Schwitzen. Als eigenbrötlerischer Misanthrop hatte ich diese tolle Erfindung bislang mit kühler Missachtung gestraft, doch angesichts der Vorstellung eines ersten 30km Laufs hatte ich mich entschlossen, das umfangreiche Marathonvorbereitungsangebot von Spiridon Frankfurt – einem der größten Laufvereine meiner bundesdeutschen Heimat – wahr zu nehmen. Zum Glück, denn allein eine solche Strecke zu bewältigen ist vor allem für die Psyche eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Ich muss gestehen, dass meine Vorurteile durch den ersten Eindruck des Laufens in einer Gruppe Gleichgesinnter und ungefähr Gleichgetrimmter geradezu pulverisiert wurden.

Es beginnt bereits mit der augenscheinlichen Bestätigung, dass man nicht der einzige Depp ist, der den Sonntagmorgen nicht zum Ausschlafen nutzt, und stattdessen in bunter Funktionskleidung und mit seltsamen Beutelchen und Fläschchen an und auf den Hüften schweißtriefend durch die Gegend rennt. Hinzu kommt der massive Einfluss interessanter und größtenteils laufsportbezogener Kommunikation auf das subjektive Zeit und Streckengefühl.

Minuten und Kilometer werden zur gefühlten Hälfte ihrer Dauer komprimiert. Verwundert vernimmt man das Signal der GPS Uhr, dass bereits 20km Strecke bewältigt sind. Nach dem Lauf, der durch die perfekte Infrastruktur des Spiridon Lauftreffs unter einer heißen Dusche am Ziel endet, fühle ich mich nicht nur unbesiegbar und beinhart, wie der Terminator – ich teile auch seine häufig geäußerte Überzeugung: „Ich komme wieder!

Ü30 (Teil 1) – Morgenstund hat Blei im Hintern

Mich frühmorgens am Sonntag zum Laufen fertig zu machen,  gleicht einer Rekapitulation der eigenen Geburt und ist ein ähnlich traumatisches Geschehen. Aus der Geborgenheit und Wärme des Bettes und der Nähe des Weiblichen in Gestalt meiner friedvoll schlummernden Gattin geht es hinaus in die kalte und erbarmungslose Wirklichkeit. Mit verklebten Lidern und fröstelnd lauscht man der Litanei des inneren Schweinehundes: „Warum tust Du Dir das an? Weltrekorde wirst du bestimmt nicht mehr brechen! Schlaf weiter und lass Dir ein Frühstück machen!“ – so klingt sein perfides Mantra.

Doch ich bleibe hart, wenngleich ich froh wäre, wenn wenigstens mein Weib mir zärtliche Bewunderung und tiefen Respekt zollen würde. Stattdessen höre ich nur ein schlaftrunkenes: „Mach das Ding aus!“ als die Weckwiederholung des Mobiltelefons erneut zu Piepen beginnt. Ich trolle mich ins Bad und beginne mit der Routine des Leistungswilligen. Brustwarzen abkleben, Pulsgurt umschnallen und eine dürftige Katzenwäsche vornehmen. Danach in die Klamotten, die ich dummerweise über Nacht  auf dem Balkon hängen gelassen habe.

An der Güte Gottes und meinem Verstand zweifelnd streife ich weinerlich die kälteklamme und feuchte Tight und das Shirt über meinen geht-so gestählten Leib. Dann packe ich alle noch vorhandenen Gele und den köstlichen Rest meiner ersten Tüte Powerbar Ride Shots Cola (Gummibärchen speziell für Mitglieder der laufenden Zunft) in die Tasche, fülle eine 1,5 Liter Wasserflasche mit Frankfurter Leitungsbrunnen und verlasse in meinen alten Adidas Supernova Cushion, dem mit Abstand am Besten eingelaufenen Paar Laufschuhe, das ich besitze, die Wohnung: Volle 30km stehen auf dem Programm – so weit bin ich noch nie zuvor am Stück gelaufen…