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Per aspera ad astra: Vom Krampf zum Siech

Laufberichte schreiben sich leichter, wenn man das, worüber man berichtet unter der Rubrik Erfolge abheften kann. Im Fall des Frankfurt Marathon 2014 bin ich mir bezüglich dieser Frage nicht wirklich sicher.

Die gewisse Ambivalenz zieht sich regelrecht durch: Bedingungen vor dem Start einerseits besch…en im wahrsten Sinne, denn ein seit gerademal gut drei Tagen ausgestandener Magen-Darm Infekt (glücklicherweise ohne Fieber) hat mir genug Salze entzogen, um damit zwei Mastschweine einzupökeln. Hier helfen auch diverse Brausepillen mit Elektrolyten nicht wirklich weiter. Andererseits geradezu ideal, denn neben Salzen und Kräften hat die diarrhoetische Verödung meines Organismus auch den Gewichtsverlust beschleunigt. Verzicht auf vergorene Getränke und Virus bringen ein Minus von knapp vier Kilogramm beim Startgewicht. Auch die Witterung passt zu einem erfolgreichen Marathon: Nicht zu warm, nicht zu kalt und im Vergleich zum Vorjahr nahezu windstill.

Vorher2014

Meine hochgeschätzten Mitläufer des Rodheim-Trios, Frauke und Klaus, haben hohe Ziele gesteckt. Die 04:30er Marke soll gerissen werden. Ich bin schon im Voraus mit Blick auf meinen Trainingszustand realistisch genug, mich im Startblock weit hinter dem 04:29 Ballon, aber noch weit genug vor dem 04:59 Ballon einzuordnen. Die Stimmung am Start ist gut, was ich auch dem tollen Service meines Vereins Spiridon Frankfurt verdanke, die für die Starter aus den Reihen der Mitglieder auch 2014 wieder eine Lounge im Maritim Hotel direkt an der Messehalle angemietet haben. Kein Schlangestehen vor den Dixi-Häuschen. Stattdessen Getränke frei, beheizte, duftende WCs für die notorischen Stresspinkler, Blick durch die Panorama-Glasfront auf das Getümmel draußen und motivierende Ansprachen von erfahrenen Sportskollegen.

Nach dem Startschuss für die langsameren Blocks und dem Überschreiten der Linie nach einer gefühlten Ewigkeit konzentriere ich mich auf meine Pace und die Zwischenzeiten. Ziel ist neue Bestzeit unter 04:45:09 und ich laufe konstant und mit einem guten Gefühl. Die ersten 13 Kilometer durch die Bankenmetropole machen Spaß und ich bin guter Dinge. Nervig ist nur der Trinkgürtel, den ich erst ganz kurz vor dem Lauf erstanden habe. Durch das Gewicht der hopsenden Flaschen habe ich Schmerzen am Ischias wie eine Hochschwangere. Na bravo! Ich ignoriere die ersten Wasserstellen und sehe zu, dass ich die Dinger leergesüppelt bekomme. Verglichen mit dem, was später kommt, ist dieses Zwicken am Hintern ein Luxusproblem erster Güte. Auf mich wartet ein Hammermann der besonderen Art. Wir treffen uns etwa bei der Halbdistanz. Sein Name: Muskelkrampf und zwar in beiden Oberschenkeln – am heftigsten auf der Innenseite Richtung Knie. Der Salzverlust fordert seinen Tribut.

Ich habe seit ich laufe noch keinen solchen Mist erlebt. Der Gedanke an den Ausstieg war noch nie so nahe. Zum ersten Mal nehme ich die grünen Busse an der Strecke bewusst wahr. Ich schleppe mich vorwärts und muss immer wieder marschieren. Schon lange vor der Schwanheimer Brücke reiße ich mir frustriert das Zwischenzeiten-Bändchen vom Arm und dieser Akt der Resignation bewahrt mich vermutlich vor Schlimmerem, denn ab jetzt bin ich trotz des permanenten Ziehens in den Beinen ruhiger. Gehen beim Marathonlauf ist elend, aber das Ziel ist die Festhalle, Bestzeit hin oder her, also nichts riskieren und weiter voran. Voller Angst, meiner Nemesis zu begegnen (wer hier gemeint ist, kann sich der geneigte Leser aus früheren Beiträgen unschwer erschließen) trabe ich verbissen über die Brücke und durch die Altstadt von Höchst – eigentlich ein Teil des Laufs, der mir sehr gut gefällt, doch die Fähigkeit, das Rennen zu genießen, ist mir vollends abhanden gekommen. Bei Kilometer 29 warten Familie und Freunde (THX an Annika, Frida, Gustaf, Isabel, Charlotte, Verena, Ronald und seine Freundin). Ich quäle mir ein Lächeln ab und Verena läuft ein Stück neben mir her. Kaum außer Sicht der frohen Truppe ist wieder Gehpause angesagt. Wie hohnlachende gelbe Gespenster ziehen kurz darauf die 04:59 Ballons und die zugehörige Läufertruppe an mir vorbei. Dennoch geht es irgendwie voran und die langweilige Mainzer Landstraße ist nicht einmal der schlimmste Teil der Strecke. Ich glotze wie im Delirium auf die Hagebutten am Wegesrand (ein Anblick, der mich aus gänzlich unerfindlichen Gründen beruhigt, was im Nachhinein eher beunruhigend ist…) und trabe mit schmerzenden Oberschenkeln schicksalsergeben weiter. Böse wird es erst bei Kilometer 36. Aufgrund einer Änderung im Streckenverlauf kommen die Läufer schon hier das erste Mal direkt an der Messehalle vorbei. Minutenlang beobachte ich Teilnehmer, die in Richtung roter Teppich abbiegen. Alle mit einer durchaus passablen Zeit unter 04:30. Ich hingegen habe noch grässliche sechs Kilometer vor mir. Zumindest denke ich das in diesem Moment.

Schlussendlich sind die letzten zwei davon allem Übel zum Trotz ein Genuss. Mit dem Schmerz habe ich abgeschlossen. Er hat mich nicht besiegt – soll er weiterwühlen, das Finish wird mir niemand mehr nehmen. Zwei nette Mädels mittleren Alters beenden durch eine einladende Geste meine letzte Gehpause vor dem Ziel: Komm mit, wer bis hierher gekommen ist, geht nicht in die Halle!

NACHHER-2014

Auf den 200 Metern vor dem Abbiegen in Richtung Halleneingang komme ich noch einmal an unseren Supportern vorbei und jetzt kann ich mich endlich richtig mit ihnen freuen. Im bunten Licht geht es auf dem roten Teppich und an den Cheerleadern vorbei über die Ziellinie. Die Uhr steht bei 05:18:20. Indiskutabel, aber das vierte Finish auf dem Weg zur Mitgliedschaft im Frankfurt Marathon Club ist geschafft.

Nachbetrachtungen folgen in Kürze…

Ü30 (Teil 2) – Geteilter Lauf ist halber Lauf

Lauftreffs sind eine tolle Erfindung: Sportives Socializing zum Schwätzen und Schwitzen. Als eigenbrötlerischer Misanthrop hatte ich diese tolle Erfindung bislang mit kühler Missachtung gestraft, doch angesichts der Vorstellung eines ersten 30km Laufs hatte ich mich entschlossen, das umfangreiche Marathonvorbereitungsangebot von Spiridon Frankfurt – einem der größten Laufvereine meiner bundesdeutschen Heimat – wahr zu nehmen. Zum Glück, denn allein eine solche Strecke zu bewältigen ist vor allem für die Psyche eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Ich muss gestehen, dass meine Vorurteile durch den ersten Eindruck des Laufens in einer Gruppe Gleichgesinnter und ungefähr Gleichgetrimmter geradezu pulverisiert wurden.

Es beginnt bereits mit der augenscheinlichen Bestätigung, dass man nicht der einzige Depp ist, der den Sonntagmorgen nicht zum Ausschlafen nutzt, und stattdessen in bunter Funktionskleidung und mit seltsamen Beutelchen und Fläschchen an und auf den Hüften schweißtriefend durch die Gegend rennt. Hinzu kommt der massive Einfluss interessanter und größtenteils laufsportbezogener Kommunikation auf das subjektive Zeit und Streckengefühl.

Minuten und Kilometer werden zur gefühlten Hälfte ihrer Dauer komprimiert. Verwundert vernimmt man das Signal der GPS Uhr, dass bereits 20km Strecke bewältigt sind. Nach dem Lauf, der durch die perfekte Infrastruktur des Spiridon Lauftreffs unter einer heißen Dusche am Ziel endet, fühle ich mich nicht nur unbesiegbar und beinhart, wie der Terminator – ich teile auch seine häufig geäußerte Überzeugung: „Ich komme wieder!

First Time, first Lauf…

…zumindest wenn es um die mythische Distanz von 42,195 Kilometern geht. Meine Anmeldung zum Commerzbank Marathon Frankfurt am 31.10.2010 ist Ende des letzten Monats beim Veranstalter eingegangen, und die Startgebühr von durchaus annehmbaren 60 Euro bereits unwiederbringlich vom Konto verschwunden. Der immensen Versuchung, bereits bei Anmeldung eines der stylischen Finisher-Funktionstrikots zu bestellen, habe ich widerstanden. Zu zahlreich sind die Möglichkeiten des Scheiterns, und auch wenn ich eigentlich davon ausgehe, mit entsprechender Vorbereitung und Disziplin die Strecke bewältigen zu können, und zudem aus meiner Zeit als nicht wirklich schlagfertiger Hobbyboxer in verschiedenen Vereinen ein gerütteltes Maß an physischer Leidensfähigkeit mitbringe, habe ich doch einen Heidenrespekt vor der doppelten Halbmarathondistanz. Die Vorstellung, bei km 27 aussteigen zu müssen und als desillusionierter, deprimierter und dehydrierter Zombie – passend zu Halloween – mit einer Taxe oder Öffis ins Ziel zu kommen, wo mich der Anblick meines bereits bezahlten und vom Umtausch ausgeschlossenen Hemdchens verhöhnt, ist gar zu schrecklich. Nun geht es also ans sprichwörtlich Eingemachte und daran, die gemütliche Wochenbilanz von round about 40 Laufkilometern auf Werte zwischen 60 und 80 zu steigern. Die erste Stufe habe ich bereits überschritten, und am kommenden Sonntag steht der erste lange Lauf über 30km mit einer Pace von 6.15/km mit dem Lauftreff von Spiridon Frankfurt auf dem Trainingskalender. Mal schaun – wenn der erste Marathon Lauf geschafft sein sollte, finde ich bestimmt einen traurigen Zombie im Zielgebiet, der nur zu gerne bereit ist, sein im Voraus gegen bessere Skepsis geordertes Finisher Longsleeve Größe L gegen einen Bruchteil des ursprünglichen Kaufpreises an mich abzutreten.