Tre Stagioni: Jahreszeitenwechsel auf Vulkaneifel-Trails

Ein Kurzurlaub, den mir meine Angetraute spendiert hat (stets ideenreich ohne Vergleich), führt uns familiäres Dreigestirn in einen Center Parc in der Vulkaneifel. In Anbetracht der läuferischen Herausforderungen dieses noch jungen Jahres (davon wird noch zu berichten sein), ist klar, dass ich die Zeit auch für ein paar ausgedehnte Trainingsrunden nutzen werde – nicht annähernd so fix, wie die Sportskollegen auf dem nahen Nürburgring, dafür aber umweltschonender und auf überwiegend unbefestigten Wegen.

Für den ersten Eifel-Trail nehme ich mir eine der Wanderrouten vor. Hochkelberg-Panoramapfad klingt nach wadensprengenden und ruhmreich zu bezwingenden Steigungen nebst ordentlich was zum gucken. Also packe ich es an. Vom Ferienpark geht es hinab ins Dörfchen Gunderath und vom Ufer des nahegelegenen Heilbachsees in weiten Schwüngen bergan. Neben den abwechselnden Kulissen – den Wäldern, Weiden und beschaulichen Weilern – wird der Reiz des Cross-Country-Laufs vor allem dadurch immens gesteigert, dass sich drei Jahreszeiten um die Vorherrschaft balgen. Es ist frühlingshaft warm, auf weiten Teilen der Strecke liegt dessen ungeachtet noch reichlich Schnee und Sonnenlicht auf braun belaubten Ästen weckt Erinnerungen an den letzten Herbst.

Kalter Frühling in der Vulkaneifel
Kalter Frühling in der Vulkaneifel

 

Mit den Jahreszeiten wechseln auch die Untergründe jäh ab. Akustisch am eindrucksvollsten ist der dicke, verharschte Schnee auf grobem Schotter. Unterhalb des Schnees hat sich Tauwasser Bahn gebrochen und einen Hohlraum geschaffen. Bei jedem Schritt sinkt die Schneedecke ein paar Zentimeter ab und es entsteht zeitversetzt ein zweites, dumpfes Trittgeräusch. Fast klingt es, als wäre mir etwas Großes und Schweres unmittelbar auf den Fersen. Bigfoot, Rübezahl (falsche Gegend), Grüffelo, übergewichtiger Sittenstrolch auf Schneeschuhen???? Ich ertappe mich zweimal beim Drehen des Kopfes, zumal in der Höhe die menschlichen Fußabdrücke weniger, die der zwiegespaltenen Wildschweinklauen dagegen sehr viel mehr werden. Ich bin auf Schweineland. Wahrschau!

Im dichten Fichtendickicht begegne ich einem Jäger mit geschulterter Bock-Doppelflinte. „Hallo, bin ich noch auf Wanderroute 34?“ – „Ach herrjeh… (Übersetzung: Hast du Depp nichts besseres zu tun und zu fragen?)“ – „Den Spuren nach hat‘s hier massig Schwarzwild, haben die schon Frischlinge? Ist es gefährlich…?“ – „Die ersten sind schon da, aber so lang sie die Bache nicht in die Enge treiben…“ – „Waidmannsheil!“ – „Waidmannsdank!“. Insgeheim hoffe ich, dass die Bachen nicht auf die Idee kommen, mich Nicht-mehr-ganz-so-frisch-Ling in die Enge zu treiben. Wer bereits 12,5 Cross-Kilometer in profiliertem Terrain in den Waden hat, flieht und klettert nicht mehr allzu geschwind. Glücklicherweise kreuzen heute nur Rehe meinen Weg. Die Sauen  suchen sich wahrscheinlich fettere und leichter zu stellende Beute auf den diversen Routen des Nordic-Walking-Parks.

Höchster Punkt der Tour ist der Hochkelberg – obenauf fast vollständig militärischer Sicherheitsbereich und zudem von Pluto aus dem Urfeuer geschaffen. Die Eifel ist ein Vulkanmassiv, das nur mal eben ein kleines Nickerchen macht. Erst 10.000 Jahre seit dem letzten Ausbruch. Als ich die letzten Höhenmeter durch Schneematsch und aufgeweichtes Erdreich bis auf den Gipfel des Hochkelbergs mehr krieche als laufe (natürlich auch um mich trailmäßig einzuschlammen wie eine kapitale Wildsau), bin ich mir sicher: das einzige, was hier heute ausbricht, ist mein Schweiß. Tatsächlich finde ich auf dem höchsten Punkt eine kraterartige Vertiefung und auch meine Poren sind kraterartig geweitet. Vulkaneifel-Feeling pur. Ich steige auf eine grobe Holzbank und lasse aus salzverkrusteten Augen den Blick in die Weite schweifen. Wow! Der halbe Kilometer Steilhang hat sich mehr als gelohnt. In den Sommermonaten muss das Panorama atemberaubend sein (heut ist mein asthmatische Röcheln vor allem dem Anstieg geschuldet).

Als ich wieder an unserer niederländisch-spartanischen Hütte im Center Parc ankomme, liegen knapp 16 Kilometer abwechslungsreichen Geländelaufens hinter mir. Der zweite Run zwei Tage später steht dem in nichts nach. Ob die Bergtour positive Spuren hinterlassen hat, wird sich morgen zeigen: Am 10. März beim diesjährigen Lufthansa Halbmarathon in Franfurt.