Schlagwort: Twistesee Adventsmarathon

Auf und nieder… Nächstes Jahr wieder!

Jedes Laufmagazin würde mich zum Deppen stempeln. Kein einziger Lauf über 22 Kilometer. Vier Wochen nicht trainiert wegen Virusgrippe und Antibiotika Einnahme. Frankfurt Marathon ausfallen lassen und dann – Bad Arolsen. Zu allem Überfluss hatte ich mich nicht einmal über das Streckenprofil informiert. 470 Höhenmeter und teils bis zu 18 Prozent Steigung…

Wer Bad Arolsen nicht kennt, sollte eine Erstberührung in Erwägung ziehen: Die kleine, einstige Garnisonsstadt hat nicht nur ein wunderschönes Barockschloss und eine der (zumindest an der Aufguss-Performance gemessen) besten Thermen Hessens zu bieten – sie wartet zudem mit gleich zwei Marathon Veranstaltungen auf. Mit einem solchen Pfund können nur wenige weit größere Städte wuchern.

Nachdem wir am Vortag aufgrund einer für Ortsunkundige erbärmlich ausgeschilderten Umleitung gefühlte drei Jahre durchs Waldecker Hinterland gegurkt waren, trafen wir im Ferienpark Twistesee ein. Man sucht zwar (vor allem am Wochenende) eine Weile nach der richtigen Hütte, hat man sie jedoch gefunden ist alles traumhaft. Warm, gemütlich, geschmacksbefreite Kunstgegenstände aber gute Betten. In jedem Fall eine Empfehlung für alle Läufer, die von außerhalb kommend den Adventmarathon in Angriff nehmen wollen.

Dass die Organisation ungeachtet der prima specie provinziellen Anmutung und der winzigen Startgebühr Spitze war, offenbarte sich bereits bei der Abholung der Startnummern am Vorabend des Laufs. Eine gratis Kappe mit Leuchtstreifen, ein Adventskalender mit Knusperkugeln, warme Worte und mehr als ein Lächeln. Das höchst erfreuliche Gegenteil jeglicher Massenabfertigung, wie man sie von den Big-City-Marathons gewöhnt ist.

Nach einer nervösen Nacht ging ich es an. Eine Stunde vor dem fitteren Rest der Welt und mit dem sicheren Gefühl des Scheiterns – und genau diese Stärke, die Schwäche einzugestehen, gab mir Kraft. Dieser Blick für die Realität  – und die einfach tolle Orga. Ich habe selten derart liebevoll bestückte Verpflegungsstationen gesehen.

Nach der Begrüßung und der Streckeninfo des Veranstalters (inklusive dem Hinweis, dass es in den Wäldern, durch die wir laufen würden, vor Schwarzwild nur so wimmelte…) wurde die kleine Gruppe der Frühstarter gegen Viertel vor Zehn zur Startlinie auf dem Damm am Twistesee geführt. Laufkumpanin Anita, die nach Kopenhagen und Rothaarsteig (jeweils unter vier Stunden) auch hier mitlaufen würde (zur regulären Startzeit sollte es für sie losgehen) begleitete mich zusammen mit Frau und Kind und einer weiteren altgedienten Freundin der Familie. Es wurde laut gezählt – und wir waren unterwegs.

Entgegen meiner Befürchtung entzerrte sich die Gruppe bereits auf den ersten zwei Kilometern. Ich begann mein Tempo zu suchen und fand es. Die ersten Steigungen kamen bereits zwischen Kilometer drei und vier. Auf laubbestreuten Waldwegen ging es stetig bergan. Die erste  Verpflegungsstation kam schneller als gedacht und entgegen dem Hinweis an die Frühstarter, dass die Stationen erst gegen 11 bestückt sein würden, wartete der warme Zitronentee bereits auf uns. Die wenigen Querungen von Landstraßen wurden durch freundliche Polizisten zu einem gefahrlosen Unterfangen und tatsächlich waren auch ein paar Zuschauer zugegen, die uns anfeuerten. Das Wetter war ebenfalls ein Traum: kalt, aber trocken und etwa eineinhalb Stunden nach dem Start zeigte sich die Sonne und mit ihr der Herbstwald und die ursprüngliche Landschaft des Waldecker Landes in ihrer ganzen Schönheit. Auf einer langgezogenen bergab Passage – etwa bei Kilometer 14,5 erlebte ich das erste Stimmungshoch dieses Marathons. Gut, denn kurz hinter der nächsten Verpflegungsstation (Lebkuchen, Salziges, Schokoriegel, Bananen, Cola, warmer Tee, Wasser) im Tal kam der härteste Anstieg. Hier überholte mich dann auch der führende Lokalmatador mit der Startnummer eins. Klatschen meinerseits und ein „Hau rein!“ – „Du auch!“ Dialog – dann war die Begegnung vorbei. Nummer eins lief uneinholbar einer Top-Zeit deutlich unter drei Stunden entgegen: angesichts der Strecke eine grandiose Leistung. In schneller Folge zogen auf den nächsten Kilometern bis zur Halbdistanz das schnellste Drittel der rund 280 Starterinnen und Starter vorüber. Ich erlebte bei Kilometer 25 meine erste Krise – aber nicht wegen der Tatsache, dass alle schneller waren (das bin ich ja gewohnt). Vielmehr nervte es, dass die Ruhe vorbei war, die den ersten Teil meines ganz eigenen Adventmarathons so magisch gemacht hatte. Zudem stimmte das Gerücht, dass es ab Kilometer 26 eigentlich nur mehr bergab gehen sollte, nicht einmal im Ansatz.

 

Da ich bei diesem Lauf aufgrund meiner mangelhaften Vorbereitung konsequent die Methode von Jeff Galloway befolgte (alle 1,5 Kilometer eine Minute zügig gehen), hatte ich keine Krämpfe und lief einfach weiter. Bei Kilometer 32 überholte mich Anita als bis dato Fünfte bei den Damen und bei Kilometer 34 warteten die Familie – und das Auto… Ich dachte jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht im Traum daran, an diesem Punkt abzubrechen, zumal es allem Anschein nach ab hier tatsächlich zu Tal in Richtung Twistesee gehen würde. Bei Kilometer 36 kamen die Stöpsel ins Ohr und mit Billy Talent und Volbeat kam das zweite Hochgefühl. Ich rannte durch bis zur letzten Verpflegungsstation und genoss es, wieder allein zu sein. Einzig die anfangs so schnell gelaufenen Kilometer um den See bis hin zum Ziel zogen sich endlos, doch hier war klar, dass auch globale Krämpfe das Finish nicht gefährden würden. Ein paar Minuten später hing das begehrte Blech am schweißverkrusteten Hals und es ging mit meiner kleinen Fangemeinde, zu der sich auch der Onkel meiner Frau aus Marburg gesellt hatte zum ersten, aber beileibe nicht letztem Glühwein des Tages in die Twistesee Sporthalle.

Mein Fazit: Ein kleiner, feiner Lauf in wunderschöner Natur der sich in Sachen Organisation hinter manch großem Top-Event nicht verbergen muss. Vor allem in Sachen Verpflegung ließ der Adventmarathon keine Wünsche offen (sogar Lebkuchen gab‘s). Dazu das Erlebnis einer herzlichen, sportlich-familiären Atmosphäre. Auch wenn ich im kommenden Jahr aufgrund meines Attests einen Freifahrtschein für den BMW Frankfurt Marathon habe, werde ich mich wieder für Bad Arolsen anmelden. Schöner kann der Saisonausklang eigentlich nicht mehr werden.

Rücktritt und Neuwahl: Statt Frankfurt nun Bad Arolsen

Wenige Entscheidungen fallen ähnlich schwer, wie der Rücktritt vom Start bei dem Marathon, auf den alle Anstrengungen des Lauftrainings, alle Equipment-Käufe und (teilweise ekligen) Supplement-Experimente in letzter Konsequenz gerichtet waren. Ich hatte unmittelbar nach dem Zieleinlauf im letzten Jahr und trotz des Medaillenfrusts das Ziel des dritten Finishs in der Festhalle gesteckt und dem Entschluss die frühestmögliche Anmeldung zum Frankfurt Marathon 2012 folgen lassen.

Und nun machte die Schwäche des in die Jahre gekommenen Leibes und seiner Infekt-Anfälligkeit dem Plan kurz vor seiner Realisierung den Garaus. Sch…e! Es macht nicht im geringsten Freude, sich den Lauf von der Couch aus zu betrachten, wenn man selbst frieren, leiden, hadern und schlussendlich feiern wollte. Schuld an der Krankheit und dem Rücktritt vom Lauf des Jahres war nicht etwa pure Unvernunft – halbnackt und trunken Tanzen während eines Hagelschauers oder so etwas in der Art. Schuld war wie immer der Nachwuchs.

Wer ein Kleinkind hat, das in eine Krippe geht, weiß, wovon ich rede: Die lieben Kleinen, deren Immunsystem in den ersten Jahren fleißiger und regelmäßiger trainiert als Papa in seinem ganzen Läuferleben sind die reinsten Seuchenvögel. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht einer der entzückenden Strolche neues, Elend bringendes Miasma aus seinen Poren und triefenden Nüstern entlässt und die ganze Krabbel-Gruppe lachend und krähend kontaminiert – die lieben Eltern eingeschlossen. Ach ich erlag – dem Ziel zum Greifen nahe – einer weiteren Sputum-Attacke. Folge: Fieber, Husten, Heiserkeit, Halsweh (leider kaum Appetitlosigkeit…).

Alle Läufer tun in einer solchen Situation das Gleiche: Sie durchforsten mit Ingrimm sämtliche Sportlerforen des Internets auf der Suche nach dem einen ausgewiesenen Experten, dessen Beitrag ihnen bescheinigt, dass es entgegen landläufiger Meinung gänzlich gefahrlos ist, mit angeschlagener Gesundheit 42,192 Kilometer durch kaltes Herbstwetter zu rennen. Auch ich habe gesucht – und nichts gefunden.


Es war meine outgesourcte Vernunft in Gestalt meiner Angetrauten, die mich letztlich von einem Start Abstand nehmen ließ (zugegebenermaßen hatte die Vorstellung einer vollbusigen Cheerleaderin, die weinend eine glänzende Finisher-Medaille auf meinen in der Festhalle aufgebahrten Sarg drapiert in meiner fiebernden Gedankenwelt kurzzeitig etwas sehr Erhabenes…). „Such Dir doch einen anderen Marathon, wenn Du wieder fit bist“ – so sprach die Stimme der Vernunft aus der sonst eher emotionalen Hülle.

Gesucht, gefunden: In diesem Jahr – genauer in 22 Tagen wird es nun zum Adventsmarathon an den Twistesee in Bad Arolsen gehen. Natur pur, nur ein paar Hundert StarterInnen und die Gelegenheit eines Frühstarts für Rentner und Frührentner (mich). Noch immer ist die Erkältung nicht ganz gewichen – aber egal: Ich werde alles daran setzen dort zu starten und werde den Weg dahin an dieser Stelle genau protokollieren.

Dann werden alle kränkelnden Läufer wenigstens fündig, wenn sie im Web nach Antwort auf ihre Frage: Marathon-Reife in zwanzig Tagen nach gesundheitlichem Vollcrash suchen.